Galliger Humor aus den Eingeweiden des Kapitalismus
Stephen Jones ist jung, dynamisch und ehrgeizig, und er hat gerade einen neuen Job übernommen. Bei Zephyr Holdings wird er als Verkaufsassistent eingestellt und soll Schulungen an andere Abteilungen des Unternehmens vertreiben. Sein Arbeitsplatz entspricht einer durchschnittlichen amerikanischen Großraumbüroparzelle, und die Assistentin seiner Abteilungsleiterin verliebt sich sofort unsterblich in ihn. Ganz normaler Büroalltag also – bis auf die Tatsache, dass Jones nirgendwo herausfinden kann, was das Unternehmen Zephyr Holdings eigentlich tut.
„Beteiligungen eben“, ist die Standardantwort, die er von seinen Kollegen zu hören bekommt – und die sehen die Angelegenheit damit als beendet an. Doch Jones reicht diese Auskunft nicht. Unterdessen wird aufgrund einer Affäre um einen unrechtmäßig verzehrten Donut eine Stelle als Verkaufsvertreter vakant, auf die Jones – und nicht der schon viel länger auf eine Beförderung wartende Freddy – schon nach wenigen Tagen aufsteigt. Aber anstatt sich daran zu erfreuen, will Jones lieber den Mysterien der Firma auf den Grund gehen.
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Was ist wirklich dran an den Gerüchten, dass das Firmengebäude doch einen dreizehnten Stock hat, obwohl der Fahrstuhl einen solchen nicht ausweist? Wie kann sich die Empfangsassistentin Eve einen teuren Sportwagen leisten? Hat eigentlich schon einmal jemand den CEO des Unternehmens persönlich gesehen? Und schließlich – was genau macht Zephyr Holdings nun eigentlich genau? Jones beschließt, sich nicht mit Managementfloskeln abspeisen zu lassen, sondern begibt sich direkt ins Zentrum der Macht – in das oberste Stockwerk der Firma, zur Geschäftsführung.
Die Entdeckung, die er da macht, stellt seine wildesten Befürchtungen in den Schatten: das oberste Stockwerk ist das Dach, hier gibt es kein Büro und auch keinen CEO. Zephyr Holdings ist eine Scheinfirma, ein Versuchslabor der Firma Alpha, in dem der Management-Guru Daniel Klausmann, der bei Zephyr als Hausmeister verkleidet die Angestellten beobachtet, Unternehmensführungspraktiken in den Eingeweiden des Kapitalismus erprobt – und die Angestellten von Zephyr sind seine Laborratten. Die Firma Alpha residiert – natürlich – im dreizehnten Stock des Zephyr-Gebäudes. Da Jones all das nun einmal herausgefunden hat, werden ihm zwei Alternativen zur Wahl angeboten: entweder, er arbeitet als Undercover-Agent für Alpha, oder er verliert seine Stelle aufgrund einer inszenierten Affäre, die es für ihn schwer machen wird, jemals wieder einen Job zu finden.
Auch wenn man das natürlich „Erpressung“ nennen kann – die Wahl fällt Jones nicht schwer. Und auch wenn ihn anfangs die Arbeit bei Alpha fasziniert und er sogar sein eigenes Forschungsprojekt – die Diskriminierung von Rauchern zur Steigerung der Arbeitseffizienz – auf die Beine stellt, befallen Jones nach und nach Zweifel. Ist es in Ordnung, die Mitarbeiter ohne ihr Wissen bei einem Scheinbetrieb arbeiten zu lassen, sie zu beobachten und mit ihnen Experimente zu machen? In diesem Punkt reibt er sich immer wieder an der skrupellosen Eve, die ebenfalls als Undercoveragentin für Alpha arbeitet – was auch ihren teuren Sportwagen erklärt. Schließlich siegt die Moral: Jones beschließt, Alpha von innen heraus zu Fall zu bringen, und zettelt eine Revolte unter den Mitarbeitern an.
Wie auch Max Barrys letzter Roman „Logoland“ ist auch „Chefsache“ vielfach zu absurd, um wahr zu sein.Und doch: wer, wie der Autor dieser Besprechung, einmal einen Fuß in eine Unternehmensberatung oder ein ähnliches Unternehmen gesetzt hat, der weiß, dass vieles doch nicht so weit von der Realität entfernt ist, und wird an vielen Stellen mit sarkastischen Grinsen zustimmen. Und darin besteht Barrys große Kunst: derart zu übertreiben, dass es einem die Lachtränen in die Augen treibt, und dem Leser dennoch zu jedem Zeitpunkt ins Gedächtnis zu rufen, dass das alles doch gar nicht so weit hergeholt ist.
Zwischen galligem Humor und Dauerbeschuss mit sarkastischen Pointen gelingt Barry wie nebenbei noch der Aufbau einer immensen Spannungskurve, und wo in „Logoland“ die Handlungsstränge bisweilen noch etwas strubbelig nebenher verliefen, schreibt der Autor in seinem neuen Roman so zielgenau auf den Höhepunkt zu, dass man fast gezwungen ist, die letzten 100 Seiten am Stück zu lesen. Da verzeiht man auch leicht, dass einige Charaktere, etwa die zahlreichen Alpha-Agenten, teilweise etwas farblos und einheitlich gezeichnet sind, und dass auch der eine oder andere Punkt des Romans nicht hundertprozentig logisch ist – denn so treffend und zugleich so unterhaltsam wie Barry schreibt derzeit kaum ein anderer Autor über Missmanagement, Globalisierung und Raubtierkapitalismus.