Ein mörderisches Gedicht In McDermids neuem Krimi fordert die Meuterei auf der Bounty noch immer Opfer
Wer kennt sie nicht: Die Meuterei auf der Bounty. Die abenteuerliche Geschichte eines guten Dutzend von Seemännern, die sich gegen ihren despotischen Kapitän William Bligh auflehnten. In einer Barkasse flüchteten, in der Südsee herumirrten, vor der unbewohnten Insel Pitcairn strandeten und sich dort vor ihren Verfolgern versteckten. Ihr Anführer, Christian Fletcher, verließ jedoch kurze Zeit später das „paradiesische“ Eiland und ward nimmermehr gesehen.
Die schottische Bestsellerautorin Val McDermid hat über seinen Verbleib eine spannende Theorie entwickelt. In ihrem neuesten Roman „Moor des Vergessens“ rekonstruiert sie das literarische und wahrscheinliche Nachleben dieser verschollenen Persönlichkeit. Und spinnt darum einen ebenso mysteriöse wie komplexe Kriminalgeschichte. Für die Protagonisten ihres Krimis ist Christian Fletcher nämlich noch lange nicht tot. Er und seine Geschichte lebt in einer zufällig gefundenen Moorleiche und einem bislang unbekannten Manuskript des englischen Dichters William Wordsworth weiter, einem Zeitgenossen und Freund des fahnenflüchtigen Matrosen.
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Das wertvolle Manuskript
Wordsworth soll die wahre Geschichte der Meuterei auf Bitten seines Freundes niedergeschrieben haben. Kein Wunder also, dass nun ehrgeizige Literaturwissenschaftler und habgierige Dokumentenhändler auf den Plan treten und die Jagd auf das wertvolle Manuskript eröffnen. Doch wer könnte das niemals publizierte Gedicht 200 Jahre lang aufbewahrt haben. Jane Gresham, Wordsworth-Expertin und unermüdliche Forscherin vermutet es in den Schubladen der Nachfahren eines Hausmädchens, das in vertrauensvollen Diensten der Familie Wordsworth stand.
Und in der Tat muss sich es sich im Besitz irgendeines der mittlerweile betagten Nachkommen befinden. Denn kurz nachdem Gresham und ihr ebenfalls literarhistorisch beschlagener Freund die potenziellen Geheimnisträger aufsuchen, sterben sie eines mehr oder minder natürlichen Todes. Für diese Todesfälle kommen viele Personen des Romans in Frage. Der Dokumentenhändler, ein ehemaliger Lover von Jane, könnte ebenso nahgeholfen haben wie ein Mädchen aus Jane Greshams Nachbarschaft, die ihr bei der Suche behilflich ist und längst in größten Schwierigkeiten steckt.
Gefühlvoller Bass
McDermid hat das Netz der Verdächtigen sehr dicht gestrickt, so dass der Täter darin fast unsichtbar wird. Kein Wunder, dass das Ende wirklich überrascht. Tarnt sich der mehrfache Mörder doch äußerst geschickt. Aber es ist nicht so sehr der unauffällige Verbrecher oder der Pulk mutmaßlicher Killer, der das neue Werk von McDermid so anziehend macht. Sondern die darin verwobene Geschichte von der Meuterei auf der Bounty. Dieses behutsam rekonstruierte und plausibel in die Gegenwart geführte Ereignis vermag unglaublich zu fesseln. Ebenso wie TATORT-Kommissar Dietmar Bär, der im Hörbuch das Geheimnisvolle ganz unaufdringlich zu Gehör bringt und auch den vorwiegend weiblichen Hauptfiguren klare emotionale Konturen verleiht. Seinen kräftigen Bass weiß er immer rechtzeitig zu dämpfen und Jane Gresham etwa als zugleich hartnäckige wie zerbrechlichen Charakter zu interpretieren. Val McDermid hätte es nicht besser schreiben können, als Dietmar es liest.
FAZIT: Klug erzählt, spannend gesprochen Val McDermid