Seit Erfindung der Zeit versucht der Mensch sein Leben zu ordnen, zu organisieren, in die richtigen Bahnen zu lenken. Und doch gab es kaum eine Zeit, die so unübersichtlich war wie die heutige. Bei all den Anforderungen, die an uns gestellt werden, bleibt kaum Zeit, sich einmal selbst zu fragen, was man eigentlich mit sich und seinem Leben anfangen will. Mit seinem Erstlingswerk "Flavius und der Leuchtturm, der sprechen konnte" nähert sich der Autor Karl-Michael Schmidt dieser Frage auf ganz besondere Weise.
Flavius, ein 15-jähriger Fischerjunge, lebt nach dem Tod seiner Familie alleine in einem kleinen Küstendorf. Während er wieder einmal in seinem kleinen Segelboot sitzt, um Fische für seinen Lebensunterhalt zu fangen, erinnert er sich an eine Geschichte, die ihm sein Großvater einmal erzählte. Demzufolge soll es an der Küste einen Leuchtturm geben, der auf geheimnisvolle Weise sprechen kann. Voller Neugier macht sich daraufhin der Junge auf den Weg, das Geheimnis des Leuchtturms zu lüften. Kaum hat er sich dem Leuchtturm genähert, fängt dieser tatsächlich an, mit ihm zu sprechen. "Flavius, deine innersten Gedanken SIND deine Zukunft" antwortet der Leuchtturm auf die Frage Flavius', woher er ihn denn so gut kenne und wie es denn dann mit seiner Zukunft aussehe. Damit beginnt für Flavius ein mühsamer Weg, an dessen Ende nichts weniger wartet als die Erkenntnis über sich selbst.
Anzeige Dieser erste Dialog eröffnet eine Reihe von Unterhaltungen, die Flavius nun Abend für Abend mit dem Leuchtturm über sich und seine Zukunft führen wird. Spielerisch verknüpft der Autor dabei in den Gesprächen philosophische Fragen von der Antike bis zur Moderne, ohne jedoch die Atmosphäre einer Unterrichtsstunde aufkommen zu lassen. Dazu ist ihm die Essenz des Romans, nämlich die Frage "Wie gelange ich zu mir selbst?", viel zu kostbar.
Allein anhand des Themas drängt sich schon der Vergleich mit Coelhos "Alchimist" auf. Auf den ersten Blick aber kann Schmidt nicht mit der Erzähleleganz Coelhos mithalten. Das muss er auch nicht, ja, das soll er auch nicht. Denn was vielleicht wie eine sprachliche Limitierung aussehen mag, ist ein von Schmidt bewusst gewähltes Stilmittel. Mit der naiven Ausdrucksweise seiner Hauptperson versucht er nicht etwa, den Leser bloß nicht zu überfordern, sondern will ihn gezielt an der Entwicklung Flavius' vom altklugen Besserwisser zu einer gereiften Persönlichkeit teilhaben lassen. Und das gelingt Schmidt auf besondere Weise. In jedem Kapitel taucht eine neue philosophische Frage auf, mit der sich Flavius, den Leuchtturm als Berater, auseinander setzt und deren Beantwortung in sich abgeschlossen wird. "Flavius und der Leuchtturm, der sprechen konnte" ist kein Buch, bei dem man unbedingt wissen will, wie es ausgeht und das will es auch gar nicht versprechen. So könnte man jedes Kapitel einzeln für sich lesen oder sich eben zusammen mit Flavius auf die Reise zu sich selbst begeben. Ganz nebenbei bemerkt man dann auch, was es mit dem Leuchtturm eigentlich auf sich hat.
Fazit: Gerade heute, da jeder meint, dem anderen vorschreiben zu müssen, wie er zu leben habe, ein wichtiges Buch. Für alle, die glauben ihr Lebensentwurf sei der einzig richtige.
Karl-Michael Schmidt Flavius und der Leuchtturm, der sprechen konnte Von einem, der auszog, sich selbst zu finden
Frieling-Verlag Berlin
Berlin, 2005
144 Seiten
ISBN: 3828022626
Preis: 7,90 Euro