Geschichten können Leben retten. Das hat uns die schöne Scheherazade gelehrt, als sie Nacht für Nacht bezaubernde Episoden ausmalt, um dem Tod zu entgehen.
Jurek, Eduard und Jakob, drei junge Juden, erzählen einen Abend lang mit der Hoffnung auf ihr Überleben in der Nazizeit. Sie beichten sich gegenseitig Liebeserlebnisse mit schönen Frauen, die zu SS Männern gehörten, sie reden sich um Kopf und Kragen. Der Kneipenwirt hinter seiner Zeitung ist ganz Ohr, ein Nazispitzel, der seinen Schnapsrausch ausschläft und am nächsten Tag Anzeige erstattet.
Doch da sind die drei jungen Männer schon nicht mehr da. Irgendwie sind sie aus dem Leben unter den Nazis herausgeschleudert worden, vielleicht im Kettenkarussell zu Tode gekommen, das angeblich vierzig Stunden ohne Ende seine Runden drehte und wo man blutverschmierte Leichen fand. Tatsächlich sitzen sie in der Schweiz und sinnieren darüber nach, wie ihr Retter, der Zauberer Machuleit, das wieder einmal geschafft hat.
Kettenkarussell heißt diese Geschichte, die dem jüngsten Erzählsammelband von Armin Mueller Stahl den Titel gibt. Ein Kettenkarussell als Sinnbild für die Fliehkräfte im Leben, die einen hinauskatapultieren aus dem Gewohnten und Bisherigen.
Anzeige Die zentrale Figur ist in dieser Geschichte der Lebensretter Machuleit, Schulkamerad der drei, dessen Anordnungen sie, die immer besser und klüger waren als er, nun klaglos Folge leisten müssen. Er hat sich der Magie verschrieben, dem Transport vom Sinnlichen ins Übersinnliche, vom Leben zum Tod, und vom Tod zum Leben. Er schaffte es schon als Jugendlicher, Menschen einfach auszuziehen, er ließ einen Mann auf dem Bahnhof plötzlich nackt dastehen, die Kleider vor sich auf dem Boden. Er tauschte im Handumdrehen den Matrosenanzug seines Freundes gegen seine Jacke und Hose. Dabei hatte der Freund kein Wort darüber verloren, wie sehr er diesen mädchenhaften Matrosenanzug hasste. Zaubertricks, Kunststücke, unverständlich, unvergessen.
Alle zehn in diesem jüngsten Sammelband enthaltenen Geschichten nehmen merkwürdige Wendungen und immer bleibt ein Rest an verblüfftem Staunen zurück. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines kleinen Mannes, dessen Körper "durch ein Korsett gehalten wird", Er bewegt sich "mechanisch, eckig und überaufrecht, als würde er von einem Motor angetrieben", weshalb alles an ihm "technisch, gesteuert, erfunden" wirkt. Eines Tages zwängt er sich in ein Faschingskostüm, das er im Schrank findet. Aus der reichen Auswahl zwischen Polizist, Mörder, Bär, wählt er die Möwe, "ein Geschenk von Volkerts Kindern vor drei Jahren, ein eigenartiges Kostüm".
Im Kostüm mit den Flügeln und den Krallenschuhen steht er auf dem Balkon. Die Möwen auf dem Geländer, die signalisieren ihm etwas, nämlich "dass es auch für ihn an der Zeit wäre, die Anziehungskraft der Erde ausnützend, die Lebensgrenze zu überschreiten." Und er versteht ihre Botschaft: "Wie eine Katze im Sterben ins Unsichtbare kriecht, kriecht er mit seinem lächerlichen Sterben ins Dunkle, ins Unsichtbare, denkt er, ins Faschingskostüm, verwandelt in eine Möwe."
Armin Mueller Stahl ist nicht nur ein vielseitiger und erfolgreicher Schauspieler. Er lebt seine Kreativität und Fantasie aus, indem er malt, achtbar Geige spielt und schreibt. Mehrere Romane und Erzählungen sind bereits von ihm erschienen, stets wohlwollend und anerkennend beurteilt. In seinem Schreiben geraten die realen und surrealen Ebenen gern ins Wanken, alles fließt aus der Realität ins Traumhafte, vom Leben in den Tod, von der Rationalität zur Magie. Manche seiner Geschichten sind kurz und sprachlich messerscharf, andere hüllen uns zunächst in einen merkwürdigen Nebel der Konturlosigkeit, bis sich daraus dann die Pointe abzeichnet. Mueller- Stahl hat Wortwitz und ein Gespür für Situationskomik, etwa in der kleinen Erzählung "Friedhof". Bei strömenden Regen warten die Bestatter auf die Trauergäste und tauschen derweil skurrile Begebenheiten von leeren Särgen und vergessenen Leichen aus.
"Die Krokodiltasche" heißt eine kurze Episode, in der ein junger Mann darüber ins Grübeln kommt, ob es eine gute Idee war, die mit viel Geld gefüllte Tasche bei der Polizei abzugeben und sich mit dem vergleichsweise kargen Finderlohn zu begnügen. Es ist nicht immer leicht, ein guter Mensch zu sein, und die Frage bleibt unbeantwortet, ob ihm sein ruhiges Gewissen ein lebenslanger Trost sein wird.
Sarkasmus, Witz und Ironie sind nur einige der Ingredienzien, mit denen Armin Mueller Stahl seine Geschichten formt. Der Aufbau Verlag bescheinigt ihm nicht zu Unrecht ein hoch entwickeltes Sprachgefühl, und möchte seinem Autor deshalb "einen Platz in der vordersten Reihe der zeitgenössischen Prosadichter" gesichert wissen. Den hat er als erfolgreicher Schauspieler seit langem inne. Er sei ihm auch als Schreiber gegönnt, solange er weiterhin mit merkwürdig schwebenden, zwischen den Realitätsebenen changierenden Geschichten wie die vom Kettenkarussell zu fesseln vermag.