Anfang der Achtziger trifft sich eine Gruppe Berliner Hausbesetzer um den extrovertierten Sänger Blixa Bargeld, um mit musikalischen Konventionen zu brechen und auf der Bühne in freier Improvisation auf Schrottteile einzuschlagen. Nach mittlerweile 25 Jahren haben die provokativen Anarchisten mehrfach auf Einladung des Goethe-Instituts im Ausland gespielt, sind zu Lieblingen des Feuilletons avanciert und haben sich als kreative Vorreiter bei der sinnvollen Nutzung des Internets als Vertriebskanal hervorgetan. Der vorliegende Band erzählt die Geschichte des Quintetts von den Berliner Anfangstagen bis heute.
Die ersten Auftritte der Gruppe, die damals in ihrer Besetzung noch stark fluktuierte, müssen chaotische Improvisations-Performances einer mit Drogen vollgepumpten Band gewesen sein, bei denen Stahlteile über die Bühne flogen, Brandsätze gezündet wurden und der eine oder andere Teil des Aufführungsortes schon mal in Schutt und Asche gelegt wurde. Doch schon nach den ersten Erfolgen entfernt sich das mit Bargeld, N.U. Unruh, Alexander Hacke, Mark Chung und FM Einheit gefestigte Quintett von der puren Beliebigkeit des Lärms, lotet die Möglichkeiten stärker strukturierter Stücke aus und wird sogar für die Live-Untermalung eines Theaterstücks in Hamburg engagiert.
Gleichzeitig betätigen sich die Musiker als, wie es selbst bezeichnen, „Klangforscher“, untersuchen alltägliche und weniger alltägliche Gegenstände auf ihre Klangtauglichkeit. Ob Einkaufswagen, Speichelabsauger, Plastikkanister oder Flugzeugturbine – bei den Einstürzenden Neubauten kann alles potentiell als Musikinstrument gebraucht werden. Auch eigene Konstruktionen wie die bis heute verwendete Bassfeder werden entwickelt. Anfang der Achtziger sammelt die Band auch erste Tour- und Schrottplatzerfahrungen im Ausland: in Japan sind die Krachmacher aus Deutschland plötzlich der letzte Schrei – und in kurzer Zeit wieder vollkommen vergessen.
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Mitte der Neunziger, nach rund fünfzehn Jahren, bekommt dann das Bandgefüge Risse: Während der Aufnahmen zum Album „Ende Neu“ zerstreitet sich FM Einheit mit Bargeld über die musikalischen Ideen und verlässt die Band, um sich fortan verstärkt der Theatermusik und der Produktion anderer Bands zu widmen. Auch Mark Chung verlässt, allerdings im Guten, die Band, und wirkt fortan als Musikmanager eher im Hintergrund. So bekommt der Albumtitel „Ende Neu“ echte Bedeutung: das Ende der ersten Neubauten. Und der Neubeginn der zweiten.
Ursprünglich nur für die Tour zum Album „Ende Neu“ engagiert, vervollständigen Gitarrist Jochen Arbeit und Schlagwerker Rudolf Moser das Quintett bald darauf als vollwertige Mitglieder. In der neuen Besetzung nimmt die Band die Alben „Silence is Sexy“ und „Perpetuum Mobile“ auf – weit entfernt vom Lärmchaos der alten Tage, treffen hier Streicher, echte Melodien und stellenweise sogar Songstrukturen mit Strophen und Refrains auf das eigenwillig zusammengestellte Instrumentarium der Neubauten, und Bargeld hat sich mittlerweile vom improvisierend schreienden Frontmann zum Sänger von mit kunstvollen Wortspielen durchsetzten Texten wie „Redukt“ oder „Selbstportrait mit Kater“ gemausert. Gleichzeitig geht man mit dem Aufbau der Internetplattform neubauten.org neue Vertriebswege: viele Alben sind nicht mehr im Geschäft, sondern nur noch Online für angemeldete, zahlende „Supporter“ erhältlich. Diese wiederum können dafür der Band im Studio über die Schulter schauen, direkt bei der Entstehung der Stücke mitreden und zum Teil sogar bei Livekonzerten als Backgroundchor mitwirken.
Für „Nur was nicht ist ist möglich“ haben die Autoren eine ungewöhnliche, jedoch, wie sie selbst im Vorwort feststellen, keine einmalige Form gewählt: in 49 Einzelgesprächen wurden die Musiker und Begleiter der Band interviewt, die daraus entstandenen 60 Stunden Tonaufnahmen wurden in Bruchstücke zerhackt und zu 25 Kapiteln neu zusammengefügt, wobei die ursprünglichen Interviewfragen nicht mehr auftauchen. Erstaunlicherweise liest sich das Entstandene flüssig und zusammenhängend, oft scheinen sich die Interviewten in Diskussionen den Ball zuzuspielen, obwohl diese Diskussionen in dieser Form ja nie wirklich stattgefunden haben.
Die auf diese Weise zusammengepuzzelte Bandbiographie ist kurzweilig und unterhaltsam zu lesen, an keiner Stelle erscheint sie trotz der ungewöhnlichen Erzähltechnik zusammenhanglos. Man erfährt Interessantes über die Arbeitsprozesse in der Band, über das Klangverhalten von Autotüren und Turbinenteilen, über die eigenwilligen Kompositions- und Texttechniken Blixa Bargelds, den Kompositionszettelkasten „Dave“ und die Frage, wie die Bandmitglieder zu ihren Künstlernamen kamen. Ein wirklich gelungenes Buch für alle Fans der ungewöhnlichen und einflussreichen Band.