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Schreiben - das unbekannte Geschäft PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans Peter Roentgen, am 16-11-2006 00:00
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Die Verlage ersticken unter unverlangt eingesandten Manuskripten. 8% der Deutschen schreiben angeblich, das wären immerhin 6 Millionen Autorinnen und Autoren. Und natürlich will jeder, der schreibt, veröffentlich werden. Eine Unzahl von Büchern und Internetratgebern wollen hier Hilfe geben. „Wie finde ich einen Verlag?“ ist die wohl häufigste Frage von Nachwuchsautoren.

Sorgfältig studieren diese die Ratschläge, die ihnen erklären, dass man Manuskripte als Normseite ausdrucken soll, was eine Normseite ist, wie man sie in Word formatiert. Auch die Frage „Wie soll das Anschreiben aussehen?“ findet, ebenso wie die Wahl des Verlages, eine Antwort.

Aber in aller Regel fehlt das Wichtigste.

Einen Verlag zu finden, hängt nämlich nicht davon ab, dass man alle Formalia beachtet, sondern davon, dass man eine spannende Geschichte hat. Natürlich ist jeder stolz, der zum ersten Mal das Wort "Ende" unter einen Roman setzt. Zu Recht.

Aber ist das auch schon eine Geschichte, die zu drucken sich lohnt? Die dreitausend oder mehr Leser lesen wollen und vor allem: bereit sind dafür zu zahlen? Denn so groß muss die Auflage sein, damit ein Verlag mit dem Buch Gewinn machen kann.

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Die meisten Manuskripteinsendungen erfüllen genau dieses Kriterium nicht. Zu unbeholfen wird da oft erzählt, der Leser spürt, das ist der erste Roman des Autors. Da hapert es nicht nur bei der Rechtschreibung und Grammatik – das ließe sich noch einfach beheben –, da fehlt ein roter Faden, Spannung, glaubwürdige Figuren, kurz: Da fehlt Erfahrung und Können.

Ein Jahr Reitunterricht befähigt niemanden zur S-Dressur, wohl aber für die A-Dressur im lokalen Verein.

Der erste Torschuss qualifiziert keinen für die Bundesliga. Vor dem Auftritt als Profi steht die Kreisklasse, in deren Spielen die hoffnungsvollen Nachwuchskicker ihre ersten Sporen verdienen, Erfahrungen sammeln, die Grundlagen lernen. Wer sich dort auszeichnet, spielt später in der Landesliga. Gerd Müller, der Stürmerstar mit unzähligen Toren, wurde vom FC Bayern entdeckt, als er siebzehn war und Stürmerstar beim SV Nördlingen. Doch wo finden Nachwuchsautoren die Kreisklasse?

Zwei Jahre Klavierunterricht machen noch keinen Pianisten. Aber unzählige schicken ihren ersten Romanentwurf hoffnungsvoll an etablierte Verlage. Doch bevor man Geld für Porto und viel Zeit aufwendet, um den Roman an alle denkbaren Verlagen verschickt, sollte man einhalten. Ich habe zahlreiche Autoren interviewt und alle, alle hatten etwas gemeinsam, ganz gleich, ob sie Juli Zeh hießen oder Andreas Eschbach, Josef Haslinger oder Andreas Wilhelm.

Sie haben Jahre, meist Jahrzehnte geschrieben, bevor sie veröffentlicht wurden. Wussten Sie, dass die Autorin von Harry Potter, J.K. Rowlings, mehrere andere Romane geschrieben hat, bevor sie mit ihrem Zauberlehrling reich und berühmt wurde? Dass sie seit ihrem neunten Lebensjahr schreibt?

Wie sagte der Wiener zum Preußen, als der ihn fragte: "Wie komme ich in die Philharmonie"?

"Üben, üben, üben!"

Der Irrglaube, dass jeder schreiben könne, dass es beim Schreiben, anders als beim Malen, Klavierspielen und Skifahren keiner Erfahrung, keiner Übung bedarf, wird auch von den Medien genährt, die immer wieder von Shooting-Stars berichten, die angeblich eines Tages den Beschluss fassten, zu schreiben und ein Jahr danach einen Bestseller lancierten. In einigen wenigen Fällen mag das stimmen. In den meisten Fällen zeigt sich bei näherem Hinschauen, dass diese Autoren in Wirklichkeit Jahre, Jahrzehnte Schreiberfahrungen haben.

Und nicht zuletzt sind auch die Verlage und der Literaturbetrieb nicht unschuldig an den Bergen unverlangt eingesandter Manuskripte. „Ich kann es nur pro Jahr sagen, das sind ungefähr 1800. Veröffentlicht wird davon eigentlich keins“, sagt der Verleger Klaus Schöffling im Interview der SZ über unverlangte Manuskripteinsendungen. Viele Lektoren und Verleger sagen das gleiche – allerdings oft nur hinter vorgehaltener Hand. Auf den Internetseiten der Verlage findet man Hinweise, wohin man Manuskripte senden soll – dass kaum eines dieser Manuskripte angenommen wird, weil die meisten handwerkliche Mängel haben, weil die Flut der Manuskripte sowieso keiner vernünftig sichten kann, diese Informationen sucht man vergebens. Erst recht die Wahrheit, dass Schreiben Erfahrung und Können, jahrelange Übung verlangt. So überschütten unzählige Nachwuchsautoren die stöhnenden Verlage mit Manuskripten, die niemand lesen kann und will. Wann hat ein Verlag den Mut, die Wahrheit auf seiner Homepage zu publizieren: „Liebe Autoren, der erste Roman ist fast nie reif für die Veröffentlichung. Schreiben braucht Training wie andere Tätigkeiten auch.“

Aber was sollen sie denn sonst tun, all die hoffnungsvollen Nachwuchsautoren, deren Herz am Schreiben hängt? Denn mal ehrlich: Wo gibt es beim Schreiben die Kreisklasse? Wo lernen Autoren schreiben, wo können sie Erfahrungen sammeln, wo finden sie heraus, ob ihr Manuskript schon für Veröffentlichung taugt oder nicht?

Schreiben ist ein einsames Geschäft, heißt es immer. Das ist richtig und falsch zugleich. Autoren, erfolgreiche Autoren vor allem, haben sich nämlich schon immer über ihr Handwerk ausgetauscht. Die dicken Bände mit Autorenbriefwechseln beweisen es.

Wer schreiben möchte, sollte genau das tun. Diskutieren Sie mit anderen Autoren. Mittlerweile gibt es in vielen Städten Autorenstammtische, im Internet Diskussionsforen. Lassen Sie Ihren Roman ein paar Monate liegen und dann: Überarbeiten! Korrigieren! Wie ist das mit dem Spannungsbogen? Sind die Personen glaubwürdig? Dazu benötigen Sie am Anfang Hilfe. Schreiben ist keineswegs einfacher als Klavierspielen oder Reiten.

Daran fehlt es immer noch in Deutschland, entweder kann jemand schreiben, oder er kann es nicht, so die gängige Meinung. Dass selbst Goethe nicht mit dem fertigen Faust in der Hand zur Welt kam, wird gerne vergessen. Fernsehsender und Filmproduktionsfirmen haben das erkannt und bieten schon seit einigen Jahren Drehbuchseminare an. Ähnliches gibt es von Seiten der Verlage bisher nicht. Ganz im Gegenteil, die Lektorate werden immer mehr ausgedünnt, die Arbeit an Texten zunehmend zurückgefahren.

Statt falsche Hoffnungen zu wecken, dadurch, dass Adressen für Manuskripteinsendungen angegeben werden, wäre es vielleicht hilfreicher, sich ein Beispiel an der Filmbranche zu nehmen. Mehr für die Ausbildung von Autoren zu tun, statt Berge von eingesandten Manuskripten mit Standardabsagen wieder zurückzusenden. Dem Aberglauben entgegenzutreten, dass Schreiben keine Übung, kein Können erfordere.

Ein Blick auf den Fußball zeigt, wie wichtig die Kreisklasse ist. Ohne breiten Massensport gibt es keine Spitzensportler, das weiß jeder im DFB. In der Literatur hat sich diese Erkenntnis noch nicht herumgesprochen. Auch wenn in den letzten Jahren langsam die Zahl der Schreibwerkstätten, der Autorengruppen im Internet, der Diskussionen über das Handwerk zunimmt.

Schreiben lernt man nicht im stillen Kämmerlein, sondern in Diskussionen, Foren, in Büchern über das Schreiben. Dadurch, dass man über eigene Texte redet, sie korrigiert, verbessert.

Deshalb hier ein paar Links.

Autorenforen:

Bücher:

Interviews mit Autoren und Lektoren :

Zeitschriften und Newsletter für Autoren:

Der Bestsellerautor Andreas Eschbach hat eine Fülle von Fragen zum Schreiben auf seiner Homepage beantwortet:

http://ourworld.compuserve.com/homepages/AndreasEschbach/writing.htm


Letztes Update: 20-11-2006 08:40

Veröffentlicht in : Magazin, Kolumne
Schlüsselworte : Veröffentlichen, Schöffling, unverlangte Manuskripte, Drehbuchseminare, kreatives Schreiben, Schreibwerkstätten, Schreibworkshops, Kreisklasse, Schreiben lernen, Schreibratgeber
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