Mit den Worten "Ich weiß, dass ich nichts weiß" soll Sokrates die Begrenztheit und Vorläufigkeit des menschlichen Wissens auf eine griffige Formel gebracht haben. Michael Crichton fühlt sich diesem erkenntnistheoretischen Grundsatz des griechischen Philosophen in seinem neuesten Roman allem Anschein nach verpflichtet. "Ich weiß mit Gewissheit, dass es zu viel Gewissheit in der Welt gibt", schreibt der amerikanische Bestseller-Autor in seinem Nachwort. Und genau um diese dialektische Beziehung zwischen wahrer und vermeintlicher Erkenntnis dreht sich alles in dem Thriller, dessen Thema immer wieder für neuen Gesprächsstoff sorgt: Der von Menschenhand verursachte Klimawandel und die daraus angeblich resultierenden Naturkatastrophen.
Der in Harvard zum Mediziner ausgebildete Crichton hat sich bereits öfter mit der Relativität naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auseinandergesetzt und ihre politische, wirtschaftliche und moralische Instrumentalisierung thematisiert. In diesem "Öko-Thriller" hinterfragt er die Aktivitäten der fiktiven Umweltschutzorganisation NERF (National Environmental Resource Fund), die von dem ehrgeizigen und publicitysüchtigen Anwalt Nicholas Drake geführt und dem Millionenerben George Morton finanziell unterstützt wird. Ein zufällig aufgedeckter Transfer von Mortons Spendengeldern an eine dubiose Organisation in Costa Rica lässt den steinreichen Umwelt-Mäzen zunehmend an der geschäftlichen und moralischen Integrität Drakes zweifeln.
Anzeige In seinen dunklen Vorahnungen bestärkt ihn der mysteriöse und seltsam arrogante Wissenschaftler John Kenner. Gemeinsam mit Mortons juristischem Adlatus Peter Evans deckt er die Verbindungen zwischen NERF und den Öko-Terroristen von ELF (Environmental Liberation Front) auf, die in langfristig geplanten Aktionen und mit kostspieliger Technik Unwetter verstärken und Klimakatastrophen künstlich herbeiführen wollen. Sie sollen zeigen, welch verheerende Auswirkungen der Klimawandel angeblich haben kann und wie notwendig Umweltorganisationen in dieser Situation sind. Menschliche Verluste werden dabei knallhart einkalkuliert.
Um diese Katastrophen zu verhindern, scheut vor allem Kenner kein Risiko. Begleitet von seinem charakterlich ganz anders gepolten Partner, dem verweichlichten und leichtgläubigen Anwalt Evans, der bei diesen Abenteuern gleich mehrere Mordanschläge verkraften muss. Gemeinsam vereiteln sie die Absprengung eines riesigen Eisschelfs in der Antarktis und retten durch ihren todesmutigen Einsatz bei zwei anderen Umwelt-Anschlägen zahllose Menschenleben. All diese lebensbedrohlichen Gefahrensituationen werden von Crichton extrem dramatisch und actionreich geschildert, sodass die Vermutung nahe liegt, hier läge schon die zukünftige Drehbuchfassung des Romans vor. Das hat leider eine eindimensionale und oberflächliche Zeichnung der Personen zur Folge, durch die das dramaturgisch simple Schwarz-Weiß-Schema aufrecht erhalten wird.
Aber vielleicht dient diese erzählerische Strategie auch nur dazu, John Kenners Position als kritischen Rationalisten zu stärken, der Crichtons neutralem Prinzip "Alle haben ein Programm. Nur ich nicht" folgt. Der Schriftsteller lässt sein Alter Ego Kenner nämlich ganz im Geiste und nach der Methode des Sokrates agieren. Er verwickelt seine Gesprächspartner in Widersprüche und gibt ihnen so die Gelegenheit, ihr vermeintliches, lückenhaftes oder fehlendes Wissen zu reflektieren. Genau den gleichen Effekt erzielt der Autor mit seinen Thesen bei seinen Lesern, die ihn nun zu Recht fragen dürfen: Weißt Du wirklich, was Du nicht weißt?
FAZIT: Spektakulär verpacktes Plädoyer für eine kritische und unabhängige Beschäftigung mit dem Thema Umweltschutz.
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Michael Crichton Welt in Angst Übersetzt von Ulrike Wasel Klaus Timmermann
Blessing Karl Verlag
Januar 2005
Gebundene Ausgabe, 580 Seiten, EUR 24,90
ISBN 3-89667-210-X