Rock'n Roll ist tot. Ebenso wie Gott. Für den glühenden Nietzsche Anhänger Böddi haben beide ohnehin nie richtig existiert. Der Rock'n Roll ist für ihn nicht mehr als der eitrige Schandauswurf einer an ihrer eigenen Dummheit verfaulenden Gesellschaft und Gott? Dazu hat Nietzsche schon alles gesagt, meint Böddi. Der Protagonist in Hallgrimur Helgasons neuem Roman Rokland verachtet Hamburger, TV und die scheinbare Oberflächlichkeit der isländischen Gesellschaft.
Sein Markenzeichen sind selbstgedrehte Zigaretten, ein leicht fettiger Pferdeschwanz und natürlich sein vor Spott triefender Blog im Internet: Hier missioniert Böddi in flammenden Pamphleten oder versucht es zumindest. Entgegen seiner Ansicht interessieren sich sogar mehr Menschen als gedacht für Böddis Schriften: Er füllt eine eigene Kolumne in einer großen isländischen Tageszeitung, die Spottdrossel aus dem Norden.
Doch der Reihe nach. Der rastlose Böddi verlässt Island und studiert in München und Berlin, findet den Durst und Lebenshunger der Welt zwischen Hörsaal, Hölderlin und Barhocker. Doch der Kontinent vermag ihn nicht auszufüllen. Seine Heimat, das spürt er widerwillig, ist Island, die kalte Schönheit im Nordatlantik. Und so kehrt er zurück in das mütterliche Haus. Schnell findet er Arbeit als Lehrer an der Schule des Ortes. Doch bei einem Schulausflug kommt es zur Eskalation: Böddi versucht den in seinen Augen verweichlichten Kindern den wahren Geist der Edda einzubläuen und zwingt sie zu einer Übernachtung in den kalten Höhlen des Hochlandes. Durchgefrorene Schüler und ein gebrochenes Bein sind das Ergebnis dieses Trips in die Vergangenheit des Landes und kosten Böddi schließlich den Job. Arbeitslos und voller innerem Zorn beginnt er, sich daraufhin immer mehr zu isolieren.
Abende voller Freude am Außenseitertum beim eigenartigen und doch liebenswerten Hotelier Keli. Wütende Angriffe gegen die isländische Gesellschaft und seinen Bruder (Schauspieler und Synchronstimme von Winni Puh) mit ihren scheinbar gleichermaßen verrotteten Zustand, schmachtende Gedanken an seine elfengleiche und ebenso unerreichbare Angebetete und feuchtfröhliche Feiern in der Festhalle der kleinen Fjordgemeinde füllen nach der Kündigung Böddis Tage. Nach einem dieser Festhallenbesäufnisse geschieht es dann auch: Böddi schläft mit der drallen Tochter des Schulrektors, Dagga. Bei einer anderen solchen Feier wird Arni, Daggas Freund, nach einem misslungen Scherz übel zusammengeschlagen. Nur Böddis beherztes Eingreifen verhindert Schlimmeres und katapultiert Arni aus den Armen des Todes in den Rollstuhl. Zwei schicksalhafte Ereignisse, wie der weitere Verlauf der Geschichte zeigt.
Einige Wochen später beginnt sich die ansonsten robuste Dagga schwurbelig zu fühlen. Sie ist schwanger. Und plötzlich unterbreitet Dagga dem Querkopf und Nietzscheprophet Böddi, dass er Vater wird. Hölderlingedichte in isländischer Übersetzung, Nietzscheworte und nordische Mythen kreisen von nun an noch unruhiger in Böddis Hirn und spätestens als seine Mutter kurz darauf entschläft und seine Geschwister das Haus verkaufen spürt er, dass alles sich verändert. Eine Versöhnung oder eine endgültiger Kampf mit dem Leben steht an.
Rokland ist nach dem internationalen Erfolgsroman 101 Reykjavik und der geistreichen Schatzkiste Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein der dritte Roman von Hallgrimur Helgason. Kraftvoll und voller absurder Ideen und Satire beschreibt er die isländische Gesellschaft zwischen getunten Megajeeps, DVD Playern, Cheeseburgern und erhabenen Steinwüsten. Dabei jedoch scheint der Erzähler seine Protagonisten selbst mit einem Augenzwinkern zu betrachten, ja teilweise zu verspotten.
Durch diesen Kunstgriff verdoppelt sich die Leserperspektive auf die erzählte Handlung und als Leser versucht man die Haltung des Erzählers zu ergründen: Verspottet oder verachtet er Böddi, ist er ein Verbündeter? Möchte der Erzähler, dass der Leser sich mit Böddi identifiziert oder soll der “Prophet” eine negative Projektion verkörpern? Ist Island so verdarbt oder wird mit Worten die Karikatur einer Karikatur gezeichnet? Die Ambivalenz des Romans, die spöttisch-sympathisierende Unentschlossenheit des Erzählers in Zusammenspiel mit der Satire, den absurd-komischen Ideen und dem unbändigen Zorn Böddis sowie die schieren Schicksalskraft der Ereignisse machen Rokland zu einem vielschichtigen und kurzweiligen Lesevergnügen.
Fazit: Raffinierte Mischung aus isländischer Popliteratur, rebellischer Außenseiterattitüde, Weltschmerz und literarischer Finesse: Intertextualität, die unergründliche Erzählperspektive und ein erfrischender neuer Winkel auf bekannte Stoffe machen Rokland so vielseitig wie Island selbst.