London, im Jahr 1888: Der Forscher Dr. Henry Jekyll kommt mit einer seltsamen Bitte zu seinem Freund und Anwalt Gabriel J. Utterson: der möge Jekylls Testament ändern, sein gesamter Nachlass solle im Falle seines Ablebens oder Verschwindens an einen gewissen Edward Hyde gehen. Und er möge bitte keine Fragen stellen! Utterson tut wie ihm geheißen und ist doch beunruhigt: von einem Mr. Hyde hat Dr. Jekyll nie etwas erwähnt.
Kurz darauf tauchen erste Geschichten über den mysteriösen Mr. Hyde auf: ein unangenehmer Mensch soll der sein, ungehobelt, unhöflich und brutal. Und auf diesen Mr. Hyde soll der angesehene Dr. Jekyll sein Testament geändert haben? Utterson stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Zum Labor des Dr. Jekyll hat Hyde offenbar freien Zugang, auch das Hauspersonal ist angewiesen, Hydes Anweisungen mit der gleichen Sorgfalt auszuführen wie des Doktors.
Doch kurze Zeit später wird Mr. Uttersons Cousin Richard Endfield ermordet – und der Verdacht fällt auf Hyde, kaum ein Zweifel ist möglich. Doch die Suche nach Hyde erfolgt ergebnislos, und Jekyll sagt aus, Hyde nach dem Mord vom Hof gejagt zu haben, und lässt sein Testament wieder ändern. Doch der Spuk ist damit noch nicht vorbei – kurze Zeit später schließt Jekyll sich in seinem Labor ein und weist seine Diener an, niemanden mehr zu sich zu lassen. Und aus dem Labor dringen Schreie und schreckliche Geräusche…
Stevensons Roman „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, erstmals erschienen im Jahr 1886, zählt zu den Klassikern der Schauerliteratur, das Buch wurde mehrfach verfilmt, die gespaltene Figur des Jekyll & Hyde beeinflusste zahllose weitere Autoren. Und darin liegt auch das einzige Problem des Hörspiels: die Handlung dürfte, zumindest in groben Zügen, fast jedem Hörer im Vorfeld bereits bekannt sein.
Dabei ist die Hörspielbearbeitung als solche außerordentlich gelungen: den Sprechern, allen voran Claus Wilcke als Utterson und vor allem Joachim Tennstedt als Jekyll und Hyde, merkt man ihre große Professionalität an, sie hauchen den Figuren Leben ein. Mit zahllosen Klangeffekten wird die Atmosphäre des London des ausgehenden 19. Jahrhunderts herbeigezaubert, und düstere Orchesterklänge untermalen die Handlung. Bei diesem Hörspiel werden wirklich alle Register der Kunst gezogen – nur leider weiß man als Hörer bereits von Anfang an, worauf alles hinauslaufen wird, wenn auch nicht in allen Facetten. Wirkliche Spannung baut sich dadurch nicht auf, das Hörspiel wird – leider, muss man aufgrund der sonst großartigen Umsetzung sagen – zu einer kurzweiligen, aber nicht weiter bewegenden Episode deklassiert.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist die zehnte Folge der bei Titania Medien erschienen Hörspielreihe „Gruselkabinett“. In dieser Reihe werden Klassiker der Schauerliteratur – gerade sind Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ und Mary Shellys „Frankenstein“ erschienen – mit prominenter Sprecherbesetzung zu atmosphärischen Hörspielbearbeitungen umgesetzt. Unter den bearbeiteten Literaturvorlagen sind auch viele, die weniger bekannt sein dürften als Stevensons Klassiker – und die damit dem Hörer eher zu empfehlen sind. Denn wirklich gruseln kann man sich nur, wenn man nicht vorher weiß, wer oder was sich hinter der nächsten Tür verbirgt…
Robert Louis Stevenson Dr. Jekyll und Mr. Hyde Hörspielbearbeitung mit Claus Wilcke, Joachim Tennstedt, Friedrich Schoenfelder u.a.
Empfohlen ab 14 Jahren
75 Minuten, Titania Medien, EUR 7,99
ISBN 3-7857-3249-X