Jane Gresham, eine Literaturwissenschaftlerin ist der Überzeugung, dass die unehrenhafte Person Fletcher Christian, einer der Meuterer der berühmt berüchtigten „Bounty“ in England starb. Eigentlich ist das nicht möglich, da außer Cäptn Bligh niemand der Besatzung in die Heimat zurückkehrte und alle weiteren Schiffsleute auf der Insel Pitcairn ihr Leben führten. Das ist jedenfalls die weitverbreitete Fassung.
Als allerdings im Lake District eine zweihundertjahrealte Moorleiche mit deutlich erkennbaren, typisch seefahrerischen Tätowierungen aufgefunden wird, erwacht der Forschergeist der jungen Frau und sie will nachweisen, dass der legendäre Obermeuterer doch heimlich ins Land kam, um seinem Freund, dem Dichter William Wordsworth seine Version der Ereignisse zu schildern. Ein entsprechendes Schriftwerk hätte unglaubliche Aufmerksamkeit und wäre vor allem von unschätzbarem Wert.
Anzeige So entspinnt sich die Suche nach dem Text als eine spannende Jagd nach den Nachkommen und Familienangehörigen des Mannes, insbesondere jedoch nach dem vermeintlich existierenden literarischen Text als geheimnisumwobene und gefährliche Aufgabe, denn plötzlich werden auf mysteriöse Weise nach und nach mögliche Erben von Fletchers Aufzeichnungen beziehungsweise die Nachkommen Wordsworths umgebracht. Sogar Jane selbst gerät in Gefahr. Als sei das nicht genug, hat sich auch noch die Sorge um eine Jugendliche, die sie vor der Verfolgung durch die Justiz versteckt hält, „an der Backe“.
In geschickter und doch eher bedächtiger Weise erzählt die Autorin eine interessante und glaubhaft erscheinende Mischung aus Historie und Fiktion. Unverhofft gewinnt die Geschichte auch noch Unterstützung durch die gerade erst im November 2006 erfolgte Verurteilung einiger Bounty-Crew-Nachfahren für deren verbrecherischen Vergehen auf Pitcairn.
So scheint alles so zu sein, wie uns Val McDermid in ihrem schaurig-realistischen Werk Glauben machen will. Auch die undurchsichtigen Handlungen des Bruders der Protagonistin oder noch mehr der sich gegen Ende des Romans aufzeigende Sinneswandel von Dan, Jane’s Freund, sorgen für anhaltende Aufregung. Daneben begeistern die empathisch beschriebenen Figuren, die einen stets dabei sein lassen. „Das Moor des Vergessens“ erscheint wenig blutrünstig, ist jedoch dennoch mordsmäßig spannend.
Val McDermid Das Moor des Vergessens (Originaltitel: The Grave Tattoo)
Übersetzt von Doris Styron
Droemer-Knaur Verlag, 2006
19,90 Euro
ISBN 3426197359