Es ist nicht wichtig, wo du bist, es ist was du machst. Und diesem Motto getreu bildet sich der nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselte Fransje quasi autodidaktisch in den Weisheiten der Samurais weiter. Für welchen der fernöstlichen Wege der junge Holländer sich entscheiden wird weiß er noch nicht, zu vertraut und unentschlossen unschuldig ist die heimelige Enge im Örtchen Lomark im niederländischen Grenzland noch. Der an den Rollstuhl gefesselte Erzähler ist kaum des Sprechens mächtig und füllt mit seinem Stift Heft über Heft mit den großen und kleinen Dorfbegebenheiten. Mit seinem Protagonisten und Erzähler Fransje schafft Tommy Wieringa einen Raum in dem die Poesie der erzählten Erinnerung zärtlich mit dem flüchtigem Geruch der Gegenwart verschmilzt.
Eine solch vibrierende Sensation Lomarks ist Joe Speedboat. Sein Vater raste mit einem LKW in ein Haus in Fransjes Heimatort. Es krachte laut und Joe stieg ohne Kratzer aus den Trümmern des Führerhauses und reichte Christof, dem verdatterten Sohn der Hausbesitzer, die Hand. Willkommen! Und wo Joe ist, beschleunigt das Leben um eine Umdrehung: Selbstgebaute Bomben explodieren in Schultoiletten und Fransje trifft in Joe auf einen Menschen, der ohne Vorurteil direkt in sein Innerstes blickt. Ein Blick und die Freundschaft ist besiegelt. Den Namen Joe Speedboat hat sich Fransjes lebensdurstiger Freund übrigens selbst gegeben. Energie, Fantasie und ein die Welt begierig aufsaugender Geist - der Name sprudelt wie die Gischt auf dem sonst ruhigen Wasser der niederländischen Kleinstadt.
Eine andere für Fransje niederschreibenswerte Person ist die blondgelockte und bildhübsche PJ. Sie kam mit ihren Eltern aus Südafrika und sorgt für die ersten Hormonwallungen in der heranwachsenden Jungesclique um Joe und Fransje. Doch PJ ist unerreichbar, zu perfekt erscheint die engelsgleiche Schönheit aus Afrika. Ihr Akzent, ihre Brillanz und ihre elfengleichen Löckchen umgeben sie mit einer fast unantastbaren Aura. Und mit PJ im Herzen bauen Joe, Fransje und die anderen ein Flugzeug um zumindest den eigenen Horizont von oben zu betrachten. Ein alter Diesel treibt die leichte Maschine an und die luftige Erkenntnisexpedition startet und landet auf dem eisigen Boden des winterlich zugefrorenen Flusses.
Nach den Flügen verändern sich die Perspektiven. Die Clique wird Älter und bald ist Fransje nicht nur im Rollstuhl sondern auch in der niederländischen Kleinstadt gefangen, deren heimlicher Chronist er ist. Joe, Christof, PJ und die anderen verlassen den Ort für das Studium. Eine stille Traurigkeit senkt sich auf Fransje. Die sprudelnde Inspiration von Joe scheint verloren und mit ihr der Traum von blonden Locken und einer unbeschwerten Zeit. Doch Joe kehrt zurück. Die Ingenieurwissenschaften bieten der Facettenvielfalt seines Einfallsreichtums nicht genügend Raum. Lomark bekommt seinen Herzschlag zurück. Auf Joes Idee hin, trainiert Fransje seinen ohnehin vom Rollstuhlschieben kräftigen Arm. Zusammen treten sie in die Welt um ihre gleißenden Funken zu versprühen und sich Ruhm in Armdrückwettkämpfen zu erkämpfen.
Jeder der Helden in "Joe Speedboat" hat sein eigenes Geheimnis. Davon umhüllt verzaubern sie den kleinen niederländischen Ort. Doch gleichzeitig zieht es sie zur gegenseitigen Entzauberung. Die magischen Momente zerfließen und verwandeln sich in menschliche Gefühle: Eifersucht, Wut, Trauer, Neugier. Freundschaft, Loyalität und Liebe verändern sich mit zunehmendem Alter der handelnden Personen. Helden gewinnen an Fleisch, Blut und Problemen, werden zu Menschen mit Geschichte. Die Magie der makellosen Erinnerung wird schlagartig zum kühlen Metall der Gegenwart. Immer noch fordernd und leidenschaftlich jedoch ohne den lodernden Pulsschlag jugendlicher Inspiration.
Erzählerisch und sprachlich gelingt Wieringa Beeindruckendes. Wie Joe Speedboat selbst drückt jedes Wort und jedes Bild eine unbändige Entdeckerfreude aus. Der originelle Esprit des Romans inspiriert und zieht von der ersten Zeile an in seinen Bann. Dabei gelingt es Wieringa spielerisch leicht und zärtlich leise eine unvergleichliche Atmosphäre zu schaffen ohne dabei um Originalität bemüht zu wirken. Die leise Hoffnung, einen Funken Joe Speedboat zu erhaschen, springt von Seite zu Seite wie ein nahezu unbemerkter Stern in die kleinen und großen Geheimnisse und Abenteuer der Charaktere.
Fazit: Joe Speedboat nimmt den Leser auf eine zärtliche und inspirierte Reise durch das Erwachsenwerden in der niederländischen Provinz mit. Einfallsreichtum und eine leicht melancholische aber immer augenzwinkernde Stimmung zieht sich mit enormen Sprachwitz durch den Roman. Ein bewegendes und zugleich anregendes Buch - unkonventionell, sanft und gleichzeitig unbändig kraftvoll.
Tommy Wieringa Joe Speedboat Keine Zeit für Helden
Hanser
gebunden 304 Seiten, August 2006
ISBN: 3446207708