Was wird heutzutage nicht alles geklagt über die Universitäten: volle Hörsäle, zu viele Studierende, überlastete Lehrende. Den Abiturienten muss doch nur mehr grauen, wenn sie vor der Entscheidung stehen, ein Studium zu beginnen. Außenstehenden mag die Universität sowieso als eine nach vier Seiten offene Bühne (vielleicht auch als geschlossene Anstalt) seltsamer Komödianten vorkommen, die nicht immer wissen, wann sie auftreten und abgehen müssen, und bei denen es gelegentlich auch schon mal Texthänger gibt. Aber das ganze Theater hat einen Sinn, auch heute noch: Die Universität muss sich als vorderste Bildungsinstitution behaupten.
Geklagt wird vor allem von jenen, die die Universität als Institution der klassisch-bürgerlichen Bildung schon in anderen Zuständen erlebt haben und in den letzten Jahren und Jahrzehnten ansehen mussten, wie sich der Hort der Forschung und Lehre nicht nur durch bildungspolitische Reformen stark verändert hat. Jochen Hörisch, Professor für Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim, hegt in seinem jüngsten Buch „Die ungeliebte Universität“ einen kühnen Wunsch: „Rettet die Alma mater!“ ruft er gleich im Untertitel aus, also jene Form der universitären Kultur, Forschung und Bildung, die unbeschadet von Reformgier, Evaluierungswut, gut gespitzten Sparstiften und anderen Undingen der Jetztzeit im 19. Jahrhundert existierte – und wie es sie vielleicht heute noch in den Vereinigten Staaten gibt. Doch wie sieht es in Deutschland aus? Desinteresse der Politik, „Bologna-Prozess“ (Angleichung von Studiengängen in Europa) oder Germanistik-Studenten, deren Rechtschreibkenntnisse sogar schon von Automechanikern überboten werden.
Natürlich muss Hörisch angesichts von solchen Entwicklungen und Zuständen, die allerdings nicht nur die Institution Universität zu verantworten hat, rot sehen. Und sein Plädoyer für die ‚alte’ Universität ist somit ein notwendiges Korrektiv zum Diskurs der Hochschulpolitik (nicht nur in Deutschland), weil es ein Bewusstsein dafür schafft, dass es schon mal anders (will sagen: besser) war. Dennoch: Wenn heute „die deutsche Universität [...] fraglos an Ansehen, Würde, Macht und Einfluss verloren“ hat, was gibt es dann eigentlich noch zu retten? Und warum? Hörisch schlägt vor: das interdisziplinäre Gespräch der Lehrenden, „akademische Geselligkeit“ zwischen Dozenten und Studierenden, Abschaffung von Gremiensitzungen, die nicht der Verbesserung von Lehre und Forschung dienen, die Entwicklung gemeinsamer Themen und Probleme zum Zweck der wissenschaftlichen Debatte, ausreichende Personal- und Sachressourcen und vor allem – Ruhe, in deren Schutz sich die Alma mater abseits der Reformhektik erholen und wieder zu sich selbst finden kann.
Hörischs kurzweiliges und informatives Plädoyer für eine andere Hochschule sollte allen Studienanfängern als Pflichtlektüre verordnet werden. Und es möge auch auf den Schreibtischen jener einen Platz finden, die sich der Hochschulpolitik verschrieben haben.