Auch wenn er sein eigenes nicht gern zeigt – Walter Moers hat viele Gesichter. Mit seinen bösen Comics über das Kleine Arschloch konnte er zahlreiche Erwachsene, mit den Episoden von Käpt’n Blaubär in der Sendung mit der Maus viele Kinder begeistern. Im Jahr 1999 trat er mit einem weiteren Talent ins Rampenlicht: sein erster, über 700 Seiten dicker und vom Autor selbst illustrierter Roman „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erschien – und wurde ein so großer Erfolg, dass bis jetzt bereits drei weitere Romane über den fiktiven Kontinent Zamonien folgten, im Winter soll mit „Der Schrecksenmeister“ der fünfte erscheinen. Comedian Dirk Bach nahm die Zamonien-Romane als Hörbücher auf insgesamt 57 CDs auf.
{mosimage}Damit genug des zamonischen Spektakels? Nein! In Köln wurde jetzt die Musical-Version des Erfolgsromans uraufgeführt.Wie bei den meisten Verfilmungen und noch mehr bei Musicalversionen von Buchvorlagen wurde auch hier im Vorfeld oft gefragt: „Kann das funktionieren?“ Nun, es kann. Dieser Meinung waren zumindest die rund 1.400 geladenen Gäste, die die Premiere des Musicals am vergangenen Donnerstag in Köln mit langen Standing Ovations gefeiert haben.
Schon das Vorzelt der eigens für das Musical konstruierten Zeltstadt stimmt auf Zamonien ein: Stollentrolle und Berghutzen stehen als Figuren im Foyer, an der Decke hängt ein Rettungssaurier. Allein die Frage, warum – sehr zum Amüsement der wenigen zur Premiere anwesenden Kinder – eine Hein-Blöd-Figur durch das Vorzelt stapft, bleibt offen – dieser Charakter kommt nämlich im Roman und im Musical gar nicht vor.
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{mosimage}Das Musical erzählt die wichtigsten Stationen des Blaubär-Romans: der auf dem Ozean ausgesetzte, junge Blaubär (Björn Klein) wird von Zwergpiraten großgezogen, bekommt von Tratschwellen das Sprechen beigebracht und rettet als Navigator des kurzsichtigen, weil in die Jahre gekommenen Flugsauriers Mac (gesprochen und gesungen von Karl Dall) zahlreichen zamonischen Kreaturen das Leben. In der Nachtschule des Prof. Dr. Abdul Nachtigaller,einem Eydeeten mit sieben Gehirnen, lernt er an der Seite der Berghutze Fredda, des Prinzen Qwert aus der 2364. Dimension und des groben Schweinsbarbaren Groot alles, was ein junger Zamonier wissen muss.
Aus der Nachtschule entlassen, hat der jugendliche Blaubär nur ein Ziel: die sagenumwobene Stadt Atlantis zu finden, wo er endlich seinesgleichen finden will. Doch der Weg dahin führt ihn zunächst durch den großen Wald, wo er beinahe einer Waldspinnenhexe zum Opfer fällt, ein Dimensionsloch, die süße Wüste, einen Tornado und den abgelegten Kopf eines Riesenbollocks, in dem er auf herumirrende Gedanken (großartig als schlechte Idee 16U: Peggy Pollow) und den Wahnsinn trifft. In Atlantis wird Blaubär ein gefeierter Lügengladiator, doch findet sich weit und breit keine Spur von weiteren Buntbären. Auf die trifft er erst, als Mac ihn in einer groß angelegten Rettungsaktion von dem Sklavenschiff Moloch befreit – und findet seine erste große Liebe.
Zu musicaltypischen Rock- und Popklängen (allein das Stück „Alles liegt in Deiner Hand“ auf der Moloch fällt mit harten Metalgitarren nach bester Rammstein-Manier ein wenig aus dem Rahmen) lässt Regisseur Zapo Schwalbe Zamonien auf der Bühne auferstehen. Dabei leistet das Ensemble Schwerstarbeit, denn Walter Moers besiedelte seinen Kontinent Zamonien mit einer Vielzahl von skurrilen Lebensformen. Um diese auf der Bühne zum Leben zu erwecken, müssen die Ensemblemitglieder ständig die Kostüme wechseln, Puppen bewegen, über die Bühne turnen und bei all dem natürlich auch noch singen – und für besonders schwere Fälle, wie Macs Flug über Zamonien, wird mit multimedialen Videoprojektionen gearbeitet.
{mosimage} Doch trotz hervorragender Technik und großartigen Kostümen und Puppen wirkt dieses Musical nicht steril und überproduziert, sondern dank der Spielfreude des Ensembles lebendig und spritzig. Der einzige Wehmutstropfen: die Musik wird, vom Gesang und einem einsamen Posaunisten in einer Seitenloge abgesehen, nicht live gespielt, sondern kommt vom Band. Doch wenn auf der Bühne Stollentrolle und Nafftifftoffen, Blutschinken, Yetis und Derwische umhertollen, vergisst man recht schnell, dass zwischen der ersten Stuhlreihe und der Bühne kein Orchestergraben liegt. Und auch wenn natürlich nicht jeder Wortwitz der Romanvorlage auf der Bühne wiedergegeben kann: spätestens, als am Ende der Premierenaufführung über tausend begeisterte Besucher von ihren Stühlen springen und die Macher des Musicals sich bei der Zugabe in den Armen liegen und euphorisiert auf der Bühne mittanzen, bleibt kein Zweifel: das mutige Unterfangen, Moers’ grandiosen Zamonien-Roman auf die Bühne zu bringen, hat funktioniert.