Einmal habe ich es, vor vielen Jahren, im Englischunterricht gewagt, einen Vergleich zwischen William Shakespeare und Stephen King zu ziehen, und wurde sogleich gemaßregelt: der eine habe mit dem anderen nichts zu tun – große Literatur und großes Gruseln, das passt einfach nicht zusammen. Mehr als zehn Jahre später hat der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic endlich das Gegenteil bewiesen – „Die Arbeit der Nacht“ ist ein Gruselroman auf höchstem literarischen Niveau.
Der 4. Juli beginnt für Jonas wie viele andere Tage.In seiner Wohnung in Wien erwacht er, schreibt eine SMS an seine Freundin Marie, die ihre Verwandten in England besucht, und ärgert sich, dass keine Zeitung gekommen ist. Dann macht er sich auf den Weg zur Arbeit – aber statt durch den Berufsverkehr fährt er durch vollkommen verlassene Straßen. Kein Mensch, nicht mal ein Hund oder ein Vogel – es scheint, als sei Jonas plötzlich der einzige Mensch in Wien.
Marie antwortet nicht auf seine SMS, auch per Telefon kann er sie nicht erreichen, wie auch sonst niemanden.Fernsehen und Radio funktionieren nicht, und auch keine der Internetadressen, die Jonas im Computer eintippt, antwortet. Nicht nur Wien ist betroffen: Jonas fährt quer durch Österreich, nirgendwo ist eine Menschenseele anzutreffen. Und auch seine vage Hoffnung, der Spuk könnte an der Landesgrenze ein Ende haben, wird nicht erfüllt: auch in Deutschland bietet sich ihm dieselbe gespenstische Leere. Er hinterlässt seine Telefonnummer, seine Adresse, Nachrichten und Hilferufe, doch er bleibt allein.
Andererseits: Ganz allein scheint Jonas doch nicht zu sein.Über Nacht, wenn er schläft, ändern sich Dinge, kleine Dinge zunächst. Eine Streichholzschachtel liegt mit der anderen Seite nach oben, seine Schuhe aufeinander statt nebeneinander. Er erwacht in Straßenkleidung, obwohl er im Schlafanzug zu Bett gegangen ist. Und ein Polaroid, das er in der Küche findet, zeigt ihn beim Schlafen – und das, obwohl er nie eine Polaroid-Kamera besessen hat. Entschlossen, den oder die nächtlichen Täter zu stellen, stellt Jonas abends Kassettenrekorder auf und hört tagsüber die Bänder ab.
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Schließlich hört er eines Morgens Geräusche auf einem der Bänder.Und mit Hilfe einer Videokamera findet er deren Ursprung schließlich heraus: er sieht sich auf einem Videoband zu Bett gehen, sich im Bett herumdrehen, schließlich aufstehen und regungslos in die Kamera starren. Eines Morgens steckt ein Messer in der Wand, das er auch unter dem größten Kraftaufwand nicht aus der Wand ziehen kann. Er beobachtet sein schlafendes Ich, wie es das Messer einige Nächte später mühelos aus der Wand zieht und es sich grinsend gegen die Kehle hält. Wird sich Jonas, wenn er schläft, selbst etwas antun? Welche Ziele verfolgt der Schläfer? Dazu kommen existenzielle Ängste: wie lange wird Jonas noch genug Unverdorbenes zu essen vorfinden, wie lange wird es noch Wasser und Strom geben?
„Die Arbeit der Nacht“ erzeugt eine atemberaubende Spannung.Viele Bilder, die der Autor vor dem inneren Auge des Lesers heraufbeschwört, etwa die Vorstellung des stundenlang regungslos in die Kamera starrenden Schläfers, sind verstörender und beklemmender, als ein Gruselfilm das je sein könnte, weil sie die eigenen Ängste viel genauer abbilden. Die Distanz des Erzählers zur Hauptfigur versetzt den Leser in die Rolle eines Beobachters, wo kein Beobachter sein kann, und dass vieles, was Jonas tut, oft im ersten Moment keinen Sinn zu ergeben scheint, macht den Roman stellenweise noch unheimlicher. Und je näher der Roman dem Ende kommt, je stärker der Zweikampf zwischen Jonas und dem Schläfer eskaliert, desto gebannter hält man das Buch in den Händen und wünscht sich, noch schneller lesen, dem Geheimnis endlich auf den Grund gehen zu können.
Glavinic meistert mit diesem Roman eine schwierige Gratwanderung: einerseits genügend Fragen und Mysterien unaufgelöst lassen, um viel Raum für Spekulation und Interpretation zu lassen, diese Offenheit jedoch nicht so weit zu treiben, dass keine Spannung mehr übrig bleibt oder der Leser am Ende unbefriedigt zurückgelassen wird. Während man dem Treiben der Hauptfigur folgt, wird man wie nebenbei auf philosophische Fragestellungen gestoßen und so als Leser sowohl zum Nachdenken als auch zum Gruseln gebracht – eine äußerst seltene, aber sehr gelungene Melange und daher unser Buch des Monats November.
Über den Autor:Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, wurde bereits für seinen 1998 erschienen Debütroman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Doch erst sein vierter Roman „Wie man leben soll“ verschaffte ihm auch jenseits der Feuilletons Bekanntheit. Die Schauplätze seines fünften Roman „Die Arbeit der Nacht“ besucht der Autor zusammen mit Wolfgang Tischer vom Literaturcafé noch einmal in Wien, um dort Auszüge zu lesen und über das Buch zu diskutieren. Das Ergebnis ist ein hörenswerter Podcast zum Buch.
Thomas Glavinic Die Arbeit der Nacht 402 Seiten, Carl Hanser Verlag ISBN 3-446-20762-7