„Biograph“ sagte Kalf.
„Ist das denn etwas anderes, ein Biograph?“
„Niklas ist etwas hilflos, was sein eigenes Leben angeht“, erläuterte Liz entschuldigend.
Snowe sah sie an. Er verstehe das, sagte er. Sehr gut sogar. Ihn selbst interessierten fremde Lebensgeschichten auch ungemein. Vielleicht sei er deshalb Verleger geworden. „Und manchmal schnurrt so ein fremdes Leben dann auf einen Augenblick zusammen.“
Kalf nickte: „Auf ein Geheimnis.“
„Ja“ sagte Albert Snowe.
Und nach einem Augenblick, ihn dem er ihn ruhig gemustert hatte, beugte er sich vor, sah ihn über die Kerzen und das kleine Bouquet aus weißen und blauen Orchideen hinweg eindringlich an und fragte: „Have you ever heard about Daphne Abdela?“
Kalf schüttelte den Kopf, und die Zeit stoppte. Daphne Abdela, wiederholte er in Gedanken, mit einem Mal gar nicht mehr angespannt und müde, gar nicht mehr in jener Jetlagblase aus Traum und Halbschlaf, sondern wach und neugierig, welche Geschichte sich hinter dem fremdklingenden Namen wohl verbergen mochte, der ihn sofort in den Bann schlug. Doch zunächst kamen die beiden Kellnerinnen wieder in den Kreis der Kerzen, um die Bestellungen aufzunehmen, und als eine von ihnen sich zwischen Lavinia und Kalf hinabbeugte, registrierte er überrascht auf jedem ihrer langen Fingernägel das winzige Bild einer Madonna.
„Wer ist Daphne Abdela?“ fragte Kalf ungeduldig.
Allein dieser kurze Absatz aus Thomas Hettches Roman „Woraus wir gemacht sind“, verglichen mit der von Ulrich Matthes gelesenen Hörprobe, zeigt auf, dass dieses Buch völlig ungeeignet ist, als Hörbuch umgesetzt zu werden.
Dies liegt keinesfalls am Sprecher, der wieder einmal zu brillieren weiß, sondern zunächst in der Tücke des Objektes begründet: Hörbuch hören ist in der Regel ein fließender Prozess; das direkte Reflektieren des Gehörten, Pausieren oder ein paar Sätze oder Absätze zurückgehen eher die absolute Ausnahme denn die Regel. Um den Text, dem Verlauf der Geschichte mit all seinen Implikationen, intertextuellen Verweisen und ambitionierten Metaphern folgen zu können, MUSS man den Text vorliegen haben, Zeit investieren, Geduld haben und Lesegenuss aus germanistischen Spitzfindigkeiten ziehen können. Wie man unschwer dem o.g. Textbeispiel entnehmen kann, hat jedes einzelne Satzzeichen seinen Sinn und darf nicht verschoben oder, im schlimmsten Fall, weggelassen werden, wie es beim vorgelegten Hörbuch des renommierten Verlages „Der Hörverlag“ der Fall ist, handelt es sich doch um eine gekürzte Lesung – der dritte Grund, warum dieses Hörbuch scheitern muss und der Roman so grandios funktioniert (wenn man ihn mindestens zwei mal liest).
(Fast) Die gesamte Auflösung der Geschichte, sofern man davon überhaupt sprechen kann und soweit dies die Intension des Autors und des Lesers ist, liegt bereits in dieser Anfangssequenz verborgen: Niklas, der im echten Leben Blasse, Hilflose, hat sowenig literarisch Verarbeitbares erlebt, dass er lieber Biographien schreibt denn Figuren erfindet (Thomas Hettche hat Daphne Abdela auch nicht erfunden; sie beging 1997 als 15-jähriger Teenager gemeinsam mit ihrem Freund Christopher Vasquez einen Mord, dessen Motivation bis heute unklar ist. Nach Zeugenaussagen sagte sie am Abend des Mordes: “I´m going to slice someone“; 2004 wurden beide aus der Haft entlassen; Hettche versucht dankenswerterweise erst gar nicht, Daphne literarisch Profil zu verleihen noch ein Motiv zu erfinden – ihr Geheimnis ist rätselhaft genug.) Sein Verleger Snowe teilt dessen Leidenschaft für menschliche Schicksale, die auf einen Augenblick zusammenschnurren – nur weiß Kalf in diesem Augenblick noch nicht, was Snowe weiß: Kalfs schwangere Ehefrau Liz wird entführt; die Entführer drohen mit diffusen Konsequenzen, wenn Kalf ihnen nicht bisher geheimgehaltene Dokumente über die Experimente von Meerkaz aushändigt. Kalf verfügt weder über die nötige Phantasie, sich diese Konsequenzen auszumalen noch über die Unterlagen und auch nicht über die zupackenden Fähigkeiten, wie man sie im allgemeinen von Helden erwartet – er ist ein klassischer Antiheld, wie er beispielsweise in Paul Austers New-York-Trilogie oder den Büchern von Haruki Murakami auftritt. Was Hettche leider fehlt, und mit ihm vielen deutschen Autoren der Postmoderne, ist der ironische Unterton oder speziell hier der tarantinoeske Sarkasmus und cinemaskopische Wahnsinn. Platz genug wäre dafür: ein faustischer Bösewicht, ein filmreicher Showdown in einem stillgelegten Kino, Morde, eine schwarze Witwe, hinterhältige Freunde, White Trash, eine Künstlerkolonie nebst ehemaligem Lager für deutsche Kriegsgefangene – Hettche zieht alle Register, vernetzt die einzelnen Handlungsstränge durch intertextuelle Bezüge, zieht historische Parallelen speziell zum Niedergang des römischen Reiches, griechische Mythologie spielt eine Rolle, die Säkularisierung der Religion und das Lob auf das Profane im amerikanischen Selbstbild kurz vor Ausbruch des Irak-Krieges wird ausgeweidet, Anspielungen auf literarische Vorbilder wie Goethe, Dostojewski und Andere – die Liste scheint unendlich fortsetzbar und zeigt leider auch das große Manko des Romans auf: es liest sich wie ein Zielgruppenroman für Intellektuelle. Von diesen wurde der Roman auch voller Begeisterung aufgenommen und mit Lob überschüttet, ja sogar für den Deutschen Buchpreis 2006 nominiert; zu Recht, denn „Woraus wir gemacht sind“ ist postmoderne Hochbelletristik!
Leser, die den Klappentext wörtlich nehmen („Woraus wir gemacht sind“ fesselt den Leser mit der Spannung eines atemberaubenden Thrillers) und sich eine aktuelle Version von Roman Polanskis Erfolgsthriller „Frantic“ aus dem Jahr 1988 mit Harrison Ford in der Hauptrolle vorstellen, werden bis zum Ende des Kapitels „Weihnachten“ – endlich mal ein bisschen Ironie obwohl Karfreitag noch witziger gewesen wäre – warten müssen, bis Kalf endlich aktiv wird; dies sind immerhin 210 von 319 Seiten des Romans. Bis dahin sinniert er brillant in einem amerikanischen Kaff vor sich was man für Eilige mit dem Satz zusammenfassen könnte: „Dann blieb der Hengst (der Leser mit Durchhaltevermögen) jedes Mal wie erstarrt stehen, als warte er nun auf das Ergebnis seines Kraftausbruchs. Und immer, wenn Niklas Kalf ihm dabei zusah und die Starre dieser Erwartung spürte, dachte er, jetzt werde irgend etwas geschehen. Aber nie geschah etwas.“
Ersetzt man Übrigens den Hengst durch einen Panther fallen Parallelen zu Rilkes gleichnamigem Gedicht „Der Panther“ auf - dies macht den Satz zwar nicht spannender, könnte aber als Omen für die Zukunft des Romans gelten: für Germanistik-Studenten ein Albtraum, für Professoren der gleichen Fakultät beherbergt der Roman Stoff für unzählige Doktorarbeiten.
Thomas Hettche Woraus wir gemacht sind Gekürzte Lesung
Regie: Marie-Luise Goerke
Vorgelesen von Benno Fürmann
Hoerverlag DHV, August 2006
6 CDs, Laufzeit ca. 477 Minuten, EUR 24,99
ISBN 3899409264