Früher einmal war „Blitz“ Dahlström ein erfolgreicher Reporter, doch inzwischen ist er längst dem Alkohol verfallen. Das Blatt scheint sich noch einmal zu wenden, als er auf der Rennbahn einen großen Gewinn einstreicht. Am Tag darauf ist er tot. Die Polizei von Gotland steht vor der Frage, ob der alte Mann wirklich wegen 80.000 Kronen sterben musste.
Als die Leiche des ehemaligen Pressephotographen Henry „Blitz“ Dahlström mit eingeschlagenem Schädel gefunden wird, vermutet die Polizei einen simplen Raubmord, denn immerhin hatte der alte Säufer am Tag zuvor auf der Pferderennbahn Glück gehabt. Erst die Ermittlungen des Reporters Johan Berg bringen den Mann in Verbindung mit den Reichen und Erfolgreichen von Gotland, für die Henry immer wieder Schwarzarbeiten verrichtete.
Anzeige Doch der Henrys Tod gerät in den Hintergrund, als die vierzehnjährige Fanny als vermisst gemeldet wird. Anders Knutas und seine Kollegin Karin dringen ein in tristes Milieu, in dem die Arbeit im Pferdestall, eine alkoholkranke Mutter und ein doppelt so alter Liebhaber, der die Einsamkeit des Mädchens auf skrupelloseste Weise ausnutzt, das Leben des Teenagers bestimmen. Irgendwann glaubt Fanny, den Druck nicht mehr aushalten zu können und trennt sich von dem Mann. In dieser Nacht kommt sie nicht nach Hause.
Nach dem erfolgreichen Debüt von Mari Jungstedt, die mit Den du nicht siehst ihren internationalen Durchbruch feiern konnte, kehrt die Autorin nun ins kalte Gotland zurück, in dem die Menschen doch nicht so friedlich beisammen leben wie das den Anschein hat. In ihrem zweiten Roman verknüpft die Stockholmerin gleich zwei Morde, die scheinbar zusammenhangslos nebeneinander stehen. Erst im Verlauf der Handlung rücken die beiden Fälle durch die Zusammenarbeit von Presse, verkörpert durch Johan Berg, und die Polizei dichter zusammen.
Doch nicht nur die stringente Verfolgung des Falles und seiner Ursachen beschäftigt die Autorin, auch die privaten Hintergründe ihrer Ermittler nehmen einen großen Raum ein. Besonderes Augenmerk gehört hier Johan und dessen leidenschaftlicher Liebe zu der verheirateten Emma, die einen emotionalen Spagat zwischen Ehemann und Liebhaber hinzulegen versucht. Doch auch Knutas und seine Kollegen erhalten einen familiären Hintergrund, der nicht direkt Einfluss auf die Geschichte nimmt.
Jungstedt verleiht ihren Figuren so die nötige Tiefe, andererseits wirkt die Handlung ein wenig unentschlossen. In kurzen beinahe blitzlichtartigen Kapiteln wechseln die Schauplätze und Handlungsstränge. Das Tempo in Näher als du denkst ist dementsprechend hoch und der Autorin gelingt das Kunststück, die Spannung bis zum Ende hin aufrecht zu erhalten. Dass der Roman trotzdem keinen wirklich nachhaltigen Eindruck hinterlässt, mag daran liegen, dass die Sprache zwar geradlinig und spannungsgeladen ist, dass aber das Potential von Atmosphäre und Charakterzeichnung nicht immer ausgeschöpft wird. Doch eine Fortsetzung scheint schon angedacht, und es wird interessant sein zu sehen, welchen literarischen Weg Mari Jungstedt noch beschreiten wird.
Fazit: Geschickt konstruierter Nordlands-Krimi mit einigen sprachlichen Schwächen