Man kennt sie, diese pädagogischen Fragen bei Museumsführungen und die Kommentare von den Allesbesserwissern. Beim Blick auf das schwarze Quadrat von Kasimir Malevich oder dem monochromen Blau von Gotthard Graubner kommt unvermeidbar der Enkel ins Spiel, der das genauso könnte, wenn das denn Kunst sein soll, einfach nur schwarz oder ein paar Linien.
Die staunende Versunkenheit von Rembrandts Licht- und Schattenkunst in der Nachtwache, die stille Andacht vor der formvollendeten Schönheit von Boticellis Venus wird gern mit der Aufforderung unterbrochen, doch einmal zu erklären, was uns der Künstler damit sagen wolle.
Was aber erzählen uns Bilder, wenn wir einen Strauß Sonnenblumen, Pappeln im Wind oder das fast dunkle Bild vom Mönch am Meer betrachten. Was vermitteln sie uns über die Tatsache hinaus, dass sie an hohen Museumswänden hängen, von berühmten Malern stammen und als Meisterwerke zählen? Wer geübt ist im Entschlüsseln der Bildersprache, wird die Farben unterscheiden, vielleicht auch noch die Art der Pinselführung erkennen oder den Symbolgehalt bestimmter Gegenstände entschlüsseln. Oft genug aber lassen uns Bilder auch ratlos zurück.
Anzeige Um zu erkennen, dass das Rot lächelt und das Blau schweigt, muss man die Geschichten des Autors SAID über Bilder lesen, in sie eintauchen wie in ein prickelndes Bad. Said, 1947 in Teheran geboren und in München lebend, versucht keine Interpretation der Bilder im herkömmlichen Sinn. E s gelingt ihm, uns das Sehen hören zu lassen, weil die Bilder und ihre Subjekte direkt zu uns sprechen. Zum Beispiel das arme Straßenmädchen, das der Maler Caravaggio als Modell für seine Maria Magdalena gewählt hat, die in sinnlicher Verzückung im Bild lehnt. Sie erzählt von dieser Aufgabe als Modell, von ihrer Liebe zum Maler und vom bitteren Ende.
Zwei Affen sitzen in einem Bogenfenster angekettet, gemalt von Pieter Bruegel d.Ä. Sie warten auf ihren Herrn, der sie mit neuen Nüssen versorgt, der sie viel zu kurz hält an der Kette, „ doch wir wären nie geflüchtet, wohin denn auch? Wie sollten wir uns denn ernähren ohne ihn und wie uns wehren gegen Menschen? Wir warten hier“.
Das Porträt eines jungen Mannes von Sandro Boticelli ergänzt Said mit einem Gebet der Dankbarkeit und Ehrfurcht angesichts dieser vollkommenen Schönheit, Rene Magrittes surrealistisches Ebenbild mit vier Händen aus dem Jahr 1952 ist ein überzeigendes Bekenntnis, dass zwei Hände nicht ausreichen, um gleichzeitig zu essen, zu zaubern, zu staunen, zu winken, "um die Einfälle zu fangen, die um meinen Kopf schwirren wenn der Passat aufkommt, um meine Frau an ihren Brüsten festzuhalten, die mich gerade verlassen will".
Maler und Bilder aus unterschiedlichen Epochen und unterschiedlichsten Genres hat Said zusammengetragen und daraus ein eigenes kostbares Kunstwerk geschaffen.
Fernab jeder kunstgeschichtlichen Deutung oder objektiver Analysen weckt er in uns Staunen und Sehen, er holt die alten Bilder ganz nah an uns heran und lässt uns eintauchen in Geschichten und Fantasien, wo das Rot lächelt und das Blau schweigt.