Commissario Montalbano stößt an seine Grenzen, heißt der Untertitel des im September 2006 in deutscher Sprache erschienenen Krimis von Andrea Camilleri. Vom Autor kann man das nicht behaupten, ganz im Gegenteil. Der sizilianische Vielschreiber läuft in dieser Geschichte mehr denn je zu Hochformen auf. Sein erfolgreicher Held ist der manchmal recht ruppige Kommissar Montalbano, den er nach dem spanischen Schriftsteller Manuel Vazquez Montalban benannt hat. Der Fantasiename der Stadt, in der alle seine Romane spielen, heißt Vigatà. Camilleris Geburtsort Porto Empedocle führt seit 2003 den Zusatz Vigatà im Namen.
In diesem Ort hat es den Kommissar bei einer Schießerei erwischt. Die Kugel musste operativ entfernt werden Jetzt schmerzt seine Schulter und Nacht für Nacht wird er wach, immer um drei Uhr siebenundzwanzig und vierzig Sekunden. In den Stunden, bis ihn der Schlaf nochmals gnädig in seine Arme schließt, sinniert er über das Leben nach. Seine Gedanken kreisen um Livia, seine streitsüchtige Freundin, um Recht und Moral, um Susanna, das junge Mädchen, das offensichtlich Opfer einer Entführung geworden ist.
Anzeige Der Fall hält Montalbano in Atem, obwohl er die Ermittlungen nicht selbst leitet. Er ist schließlich krank geschrieben. Doch natürlich sucht er nach den Puzzleteilen, die irgendwann das schlüssige Bild ergeben, das zur Überführung der Täter führt. Das lässt dem Feinschmecker kaum Zeit für andere Dinge. Die Köstlichkeiten aus der variantenreichen sizilianischen Küche, die der Kommissar zu schätzen weiß, kommen vergleichsweise kurz. Lediglich ein kleiner süß-saurer Kaninchenbraten lässt uns beim Lesen das Wasser im Mund zusammen laufen. Vielleicht liegen die vergleichsweise frugal mit guter Küche gekrönten Tage an Livia, die mit Liebe, aber langweilig kocht, auf Diät schwört und beim Commissario zu Gast ist. Immerhin kommen abends wenigstens Oliven, Käse und ein guter Wein auf den Tisch.
Doch auch ohne kulinarische Lesegenüsse kann man nicht aufhören, sich mit Montalbano auf die Spuren der Entführer zu heften. Die Erlösung kommt auf Seite 250, so lange müssen andere Arbeiten liegen bleiben, das Telefon am besten ausgestellt werden. Camilleri und Montalbano üben einen unwiderstehlichen Sog aus und lassen den Lesenden nicht mehr aus ihrem Bann. Danach können als Folge der Camilleri-Sucht Entzugserscheinungen auftreten, die erst allmählich abklingen.
Der Entführungsfall der Susanna beschäftigt nicht nur die betroffene Familie, sondern auch die Medien, die den Volkszorn anheizen und einen längst vergangenen Familienstreit um Geld wieder ins Gedächtnis rufen. Der Onkel der Entführten hatte seine Verwandten seinerzeit um deren Vermögen gebracht und jetzt soll er bezahlen, tatsächlich und im übertragenen Sinn. Klar, dass Montalbano herausfindet, wer und was tatsächlich hinter dieser Entführung stecken. Allerdings ist er ja krankgeschrieben, andere hatten den Fall zu lösen und so kommt es zu einem unvermutet offenen Ende, das beweist, wie tief moralisch, wie philosophisch und weise Camilleri in all seinen gut überlegten Plots zu argumentieren versteht.
Fazit: Wer diesen neuen Fall von Montalbano verschlungen hat, kann sich in der camilleri-freien Zeit mit der Aussicht trösten, dass noch zwei italienische Fälle darauf warten, übersetzt zu werden.
Andrea Camilleri Die Passion des stillen Rächers. Commissario Montalbano stößt an seine Grenzen Edition Lübbe, September 2006
256 Seiten, gebunden, EUR 18,00
ISBN: 3785715811