Verleihung des Deutschen Buchpreises 2006 – Katharina Hacker gewinnt mit ihrem Roman Die Habenichtse
In dem Moment, als der Name des diesjährigen Preisträgers bekanntgegeben wurde, wirkt Katharina Hacker überrascht. So, als hätte sie mit jedem Namen gerechnet, nur nicht mit dem eigenen.
Sie wirkt schüchtern, als sie im Blitzlichtgewitter steht, die Schultern leicht nach vorne gezogen, den Blick gesenkt. Auf den ersten Blick will ihr Auftreten nicht mit dem souveränen Ton übereinstimmen, in dem sich ihr Roman Die Habenichtse präsentiert. Doch schon nach wenigen Dankesworten gewinnt sie an Sicherheit, weicht ihre Verletzlichkeit einer sympathischen Zurückhaltung. Katharina Hacker nutzt ihre Rede nicht dazu, über sich oder ihren Roman zu sprechen. Vielmehr freut sie sich darüber, gerade dies endlich einmal nicht tun zu müssen und rät stattdessen allen Anwesenden zur Lektüre eines Buches, das sie momentan liest und das sie sehr beeindruckt hat: Älter werden von Silvia Bovenschen gefalle ihr sehr gut, sie könne dieses Buch nur jedem empfehlen, sagt sie und verlässt die Bühne.
Später meint Hacker, der Preis sei für sie einerseits die Bezahlung ihrer Arbeit, andererseits ein Glücksgeschenk, denn wie für die meisten Autoren sei es auch ihr ständiger Wunsch, vom Schreiben leben zu können. Sie habe jedoch nicht damit gerechnet, zu gewinnen. Zu ihren eigenen Favoriten zählten unter anderem Thomas Hettche und Ingo Schulze, die es beide in die Shortlist des Deutschen Buchpreises schafften, sich jedoch nicht gegen Katharina Hackers Die Habenichtse durchsetzen konnten.
“Preise sind da, die Aufmerksamkeit zu wecken, den Blick zu lenken auf das, was des Preisens würdig ist“, so begann Dr. Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Vorsitzender der Akademie Deutscher Buchpreis, seine Rede anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2006, und spiegelte damit sogleich ein Problem wieder, das die Jury zu lösen hatte, denn „des Preisens würdig“ waren alle in diesem Jahr in die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2006 gewählten Buchtitel.
Doch die Juroren mussten sich der schwierigen Aufgabe stellen und sich für nur einen der eingereichten Beiträge entschieden. Ausgewählt wurde Katharina Hackers Roman Die Habenichtse, der die siebenköpfige Jury (siehe Foto) – bestehend aus dem Dramatiker John von Düffel, dem Buchhändler Stephan Samtleben, dem SPIEGEL-Redakteur Volker Hage, den Literaturkritikern Pia Reinacher, Elmar Krekeler und Denis Scheck sowie der Schriftstellerin Terézia Mora - inhaltlich und stilistisch überzeugte.
“Die Habenichtse erzählt die Geschichte von Haben und Sein neu“, so begründete die Jury ihre Entscheidung. Katharina Hacker widmete sich dem schwierigen Unterfangen, die Schrecken des 11. September 2001 und seine Folgen bzw. die fehlenden Folgen für die „Generation Golf“ zu thematisieren und zu hinterfragen. In einer flirrenden, atmosphärisch dichten Sprache, die von der Jury besonders lobend hervorgehoben wurde, führt Katharina Hacker die Protagonisten ihres Romans direkt in die Problemfelder der unmittelbarsten Gegenwart, wirft Fragen nach Lebensmodellen, Wertvorstellungen und Handlungsmöglichkeiten auf. Obwohl sie selbst zur „Generation Golf“ gehört, gelingt es Katharina Hacker, sich dem Thema objektiv zu nähern. Es gibt viele Möglichkeiten, an einem Roman wie diesem zu scheitern, Vielschichtiges nur oberflächlich und einseitig zu betrachten und zu moralisieren, statt wertfrei darzustellen. Doch Hacker nimmt all diese Hürden gekonnt, souverän erzählt sie multiperspektivisch eine aktuelle Wirklichkeit und schafft es auf höchstem Niveau, die gestellten „Fragen in Geschichten aufzulösen, die sich mit den plakativen Antworten von Politik und Medien nicht zufrieden geben“, so die Juroren des Deutschen Buchpreises 2006.
Anzeige Mit dem Roman Die Habenichtsesetzte sich Hacker gegen starke Konkurrenten durch. Neben ihrem Roman wurden fünf weitere Titel in die Shortlist des Deutschen Buchpreises gewählt, so z.B. auch Der Weltensammler, für den Ilija Trojanow, den Leipziger Buchmessenpreis erhielt und Angstblüte von Martin Walser, der inzwischen einer der wohl bekanntesten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur ist. Während sich die im Finale ausgeschiedenen Autoren mit jeweils 2.500 Euro zufriedengeben mussten, erhielt Katharina Hacker 25.000 Euro.
Der Deutsche Buchpreis, der letztes Jahr zum ersten Mal verliehen wurde, ist das Deutsche Pendant zum französischen Prix Goncourt und dem englischen Man Booker Prize. Nur durch einen Preis wie den Deutschen Literaturpreis „kann – national wie international – die Einsicht befördert werden, dass die deutschsprachige Literatur – und dies seit langem – wieder den qualitativen Standard der Weltliteratur erreicht hat“, so Gottfried Honnefelder während seiner Rede zum Deutschen Buchpreis 2006.
Die erste Preisverleihung lässt für die Zukunft nur Gutes hoffen: Arno Geiger, der Gewinner des Deutschen Buchpreises im vergangenen Jahr, konnte sich mit seinem Roman Es geht uns gut inzwischen auch im Ausland einen Namen machen. Sein Roman wurde und wird mittlerweile in mehr als 10 Sprachen übersetzt.
Nun soll auch Katharina Hackers Roman Die Habenichtse die Qualität der deutschen Gegenwartsliteratur im In- und Ausland beweisen und in aller Welt die Neugier auf das wecken, was deutsche Literaten noch zu bieten haben.
Katharina Hacker wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem, wo sie auch mehrere Jahre arbeitete. Seit 1996 arbeitet sie als Schriftstellerin in Berlin. Hacker machte sich bereits mit ihren früheren Romanen Der Bademeister (2000) und Eine Art Liebe (2003) einen Namen. Auch ihre bisher veröffentlichten Romane beschäftigen sich mit politischen Ereignissen, doch war bisher keines der angesprochenen Themen so aktuell wie die Geschehnisse des 11. September 2001.