Das Leben in London ist cool – aber irgendwie nur für die anderen. Diese Erkenntnis muss Landei Natalie bald machen. Sie verbringt ihre Tage in Notting Hill damit, sich darüber zu ärgern, dass ihre Vormieterin Cressida mehr Post bekommt als sie. Wäre es denn so schlimm, einen dieser tollen Briefe zu öffnen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie sie so ist, die Welt der Reichen und Schönen? Natürlich hat Natalie bald jede Menge Ärger am Hals.
Natalie hat es satt, dass brave Mädchen aus Bath zu sein. Sie kündigt ihre Stellung, sucht sich eine coole Wohnung in Notting Hill und einen Job. Leider reicht es auf die Schnelle nur zur Verkäuferin in der Nobelboutique Tina T’s, wo sie unter den gehässigen Augen ihrer Chefin Laura die Klamotten verkauft, die sie selber gerne tragen würde. Daheim starrt sie frustriert auf den wachsenden Postberg ihrer Vormieterin Cressida.
Eine ist vom angesagten Soho Club. Ein anderer – cremefarbenes Papier, handbeschriftet – entpuppt sich als Schreiben einer Partnervermittlung. Simon ist doch ein sehr viel versprechender Name, denkt sich Natalie, und da sie gerade sturzbetrunken ist, ruft sie diesen Simon doch auch gleich an.
Tatsächlich kommt es zum Date und Simon entpuppt sich als echter Traumtyp, der nur einen kleinen Schönheitsfehler hat. Er hält Natalie für das hippe Stadtgirl Cressida, gegen das die echte Natalie natürlich keine Chance hat. Und so verstrickt sie sich immer tiefer in ihr eigenes Lügengewebe, bis es schließlich während des ersten Besuches bei Simons Eltern zur Katastrophe kommt.
Eine Warnung vorweg: Liebe Männer, bitte lasst die Finger von dieser Ansammlung rosaroter Mädchenträume um Erfolg, Selbstfindung und selbstverständlich den einfühlsamen, attraktiven Traumprinzen, der einfach nur wunderbar küsst.
Nach dieser Warnung nun zu Gemma Townleys Roman Prinzessin per Express. Die Handlung sagt eigentlich schon alles über seinen Realitätsgehalt und seinen geistigen Anspruch, auch wenn der Originaltitel Little White Lies - Kleine Notlügen also – nicht ganz so dämlich klingt wie die Übersetzung. Dass die Geschichte trotzdem einen gewissen Charme hat, liegt vor allem daran, dass sie nicht versucht, mehr zu scheinen als sie ist.
Während die Handlung sich durch die notwendigen Verwicklungen zum unausweichlichen Happy End mäandert, präsentiert die Stimme der Ich-Erzählerin Natalie die abgedroschene Geschichte als eine locker-freche Aschenputtel-Variante vor der coolen Kulisse eines Londons, in dem jeder mindestens in einer Nobelboutique arbeitet und Kate Moss in Kleiderfragen berät. Angereichert ist die Geschichte natürlich durch die böse Chefin, den schwulen Nachbarn, die beste Freundin, die souveräne Kollegin.
Die Figuren sind Klischees, die Verwandlung zum strahlenden Schwan sehr dick aufgetragen und die Küsse natürlich alle prickelnd und wundervoll, aber wer sich aus dem Alltag in eine Welt träumen will, die es so wirklich nur in der Phantasie gibt, ist hier bestens aufgehoben.
Fazit: Aschenputtel in London – trotz abgrundtiefer Banalität irgendwie sympathisch.