Spätestens seit seinem Romanerfolg Agnes ist Peter Stamm der Literaturwelt ein Begriff. Er wurde für seine Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so erhielt er u.a. 1999 den Rauriser Literaturpreis, 2000 den Rheingau-Literaturpreis und 2002 den Carl-Heinrich-Ernst- Kunstpreis.
Nun wurde Peter Stamm für seinen Roman An einem Tag wie diesem für den Deutschen Buchpreis 2006 nominiert.
Gibt es für Sie einen typischen Schreiballtag? Wenn ja, wie sieht dieser aus?
Ich schreibe meistens am Morgen, in meinem Büro oder unterwegs im Zug. Es dauert einige Zeit, bis ich konzentriert genug bin, dann schreibe ich vielleicht drei oder vier Stunden. Wenn ich nicht weiterkomme, gehe ich im Wald spazieren, der nur ein paar Hundert Meter von uns entfernt anfängt. An den Nachmittagen mache ich all die anderen Sachen, die zum Beruf gehören, Mails beantworten, Lesungen organisieren, auch mal die Buchaltung. Oft arbeite ich auch nach dem Abendessen weiter, wenn die Kinder im Bett sind.
Sie haben im Laufe Ihres Lebens einige Hörspiele, Theaterstücke und Romane verfasst. Was davon hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Anzeige Am liebsten schreibe ich Prosa, das ist fast wie Lesen, man begibt sich in eine fiktive Welt. Bei Hörspielen und Theaterstücken ist mehr Technik dabei. Das macht auch Spaß, ist aber eher eine intellektuelle Arbeit. Als fauler Mensch ziehe ich das Tagträumen des Prosaschreibens vor.
Neben ihrer Tätigkeit als Schriftsteller waren Sie Journalist, haben ein Drehbuch und Satiren geschrieben und auch noch Werbung gemacht. Woher nehmen Sie die Zeit und Kraft, all Ihre Projekte zu verwirklichen?
Ich bin ja schon eine ganze Weile an der Arbeit. Und ich schreibe sehr gern, es ist nie so, dass ich mich zwingen müsste. Wenn ich schreiben kann, geht es mir besser als wenn ich nicht dazu komme. Und seit ich vom Schreiben leben kann, muss ich glücklicherweise auch keine zeitraubenden Jobs mehr annehmen, um Geld zu verdienen.
Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Arbeiten?
Ideen sind nie das Problem. Es gibt so viele Geschichten und man kann jede Geschichte auf tausend verschiedene Arten erzählen. Wenn einem gar nichts einfällt, findet man zum Beispiel in den Metamorphosen von Ovid eine riesige Sammlung von Figurenkonstellationen, von denen man ausgehen kann. Viel entscheidender als die Handlung sind für meine Texte Atmosphären, Stimmungen.
Wie lange arbeiten Sie durchschnittlich an einem Buch?
Das ist schwer zu sagen, weil Projekte oft jahrelang in meinem Kopf herumspuken, bis ich mich richtig an die Arbeit mache. Wenn ich mit dem Schreiben anfange und es gut läuft, dauert es dann meist nicht länger als ein Jahr. Texte, an denen ich länger arbeite, misslingen mir meistens. Allerdings kommt es vor, dass ich Texte eine Zeit lang liegen lasse und sie nach Monaten oder Jahren wieder hervornehme.
Was ist für Sie der schwierigste Teil auf dem Weg zum fertigen Buch? Die Ideenfindung, die Recherche oder die Umsetzung?
Am Schwierigsten ist es, in diesen Zustand zu kommen, in dem man eine Geschichte nicht mehr konstruiert, sondern ihr bei der Entstehung fast zusehen kann. Dann ist es eine Art organischen Wachsens im Kopf, man hat keine Wahl mehr und Entscheidungen fallen einem leicht. Recherchieren ist nicht schwierig und macht Spaß, vielleicht recherchieren manche Autoren deshalb so viel. Man muss keine Orgel bauen können, um über einen Orgelbauer schreiben zu können. Die wirklich wichtigen Dinge kommen aus der Introspektion. Ohne, dass dabei Bauchnabel-Literatur entstehen muss.
Auf ihrer Homepage schreiben Sie, nie das Gefühl zu haben, ganz das zu erreichen, was Sie erreichen wollen. Was bedeutet in Anbetracht dieser Aussage die Nominierung Ihres Buches “An einem Tag wie diesem” für Sie?
Ich gebe schon nur Texte heraus, mit denen ich zufrieden bin, von denen ich weiß, dass ich sie nicht mehr besser hinkriege. Aber natürlich ist kein Buch perfekt. Das treibt einen dazu, es immer wieder neu zu versuchen.
Eine Nomination ist eine Anerkennung, eine Station auf einem Weg, der weitergeht. Ausserdem geht es bei allen Buchpreisen vor allem darum, Bücher bekannt zu machen und die Leute zum Lesen zu bringen. Das Schreiben wird davon kaum beeinflusst.
Sie lebten unter anderem in Paris, New York, Berlin und London. Inwiefern hat das Leben in fremden Ländern Ihre schriftstellerische Karriere beeinflusst?
Es hat meinen Horizont erweitert, hat mir viel Stoff gegeben und auch den Blick auf mein eigenes Land und die Gesellschaft, in der ich lebe, verändert. Und vielleicht hat sich durch das Leben in verschiedenen Kulturen auch mein Blick für das geschärft, was uns alle verbindet. Wer reist, liest die Welt und interpretiert sie.