Mit 52 ist man eigentlich noch in den besten Jahren, auch wenn man im Grunde ein ziemlicher Sonderling ist. Doch wenn das Leben ohnehin schon aus dem Ruder läuft, weil alle Bekannten plötzlich verrückt spielen, dann kann man sich doch auch gleich Hals über Kopf verlieben, oder etwa nicht?
Eines Tages erhält der namenlose Ich-Erzähler einen Anruf von Annegret aus Boston. Zwar kennt er keine Annegret und in Boston war er auch nie, aber das hält die Dame nicht davon ab, sich mit ihm zu treffen. Das Date wird erwartungsgemäß ein Reinfall, man beschließt, es bei dem einen Treffen zu lassen. Als der Erzähler zu einer Weihnachtsfeier eingeladen wird und hört, dass Annegret da sein werde, ist er nicht begeistert.
Mit einem Bildband von Boston bewaffnet geht er zur Party – und steht einem zauberhaft aristokratischen Geschöpf gegenüber, das seine Phantasie sofort entzündet. Auch die Dame scheint Feuer gefangen zu haben, doch bis zum nächsten Treffen sind noch einige Hindernisse zu überwinden. Zum Beispiel ein krankes Nilpferd, Leberkrebs und die unverblümte Ansage, dass Annegret gerne Sex möchte.
Anzeige Martin Gülichs kleiner Roman Später Schnee ist eine Perle abwegiger Situationen, Beobachtungen und innerer Monologe. Vordergründig geht es um den zweiten Frühling eines schrulligen Einzelgängers, dessen tragikomische Unfähigkeit, seiner großen Liebe gerecht zu werden, unter die Lupe genommen wird, doch dahinter lauert so viel absurde Komik, dass sie die eigentliche Handlung beinahe in den Hintergrund drängt.
Ob im Nilpferdhaus oder daheim, wo sich Zufallsbekanntschaft Hartmann einquartiert hat, sogar auf dem Friedhof, wo über die Vorteile spekuliert wird, Kröner zu heißen, wenn man tot ist, überall stehen im Vordergrund die lakonischen Betrachtungen des Ich-Erzählers, in denen die meisten Leser sich vielleicht sogar wieder erkennen werden. Auch wenn diese Beobachtungen hoffnungslos überspitzt formuliert sind, so geben sie doch treffend wieder, wie die Gedankengänge manchmal abschweifen, und welch absonderliche Blüten sie bisweilen treiben.
So entwickelt sich vor den Augen des amüsierten Lesers ein ganzes Arsenal komischer Zeitgenossen, angefangen von Seiffert, der dem Erzähler die Idee gibt, spontan an Leberkrebs zu erkranken, bis hin zu dem verlassenen Ehemann Kogler und seinen Citroen-Werbegeschenken. Natürlich fordert Gülich vom Leser eine gute Portion schrägen Humor, um den Roman zu genießen, doch wer sich auf die Nilpferde und die Kröners einlassen kann, wird mit einer federleichten Satire belohnt, die einfach Spaß macht.