Lust und Frust: Demographischer Wandel und Familienpolitik in Deutschland
In ihrem bei dtv erschienen Buch „Die Mutterglück-Falle. Warum wir unser Familienbild ändern müssen“ zeigt die Autorin Karin Deckenbach auf, wieso in unserem Land momentan so wenige Kinder geboren werden, wieso Frauen sich nicht mehr nur auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduzieren lassen wollen und wieso eine moderne Familienpolitik in Deutschland noch immer nicht möglich ist.
Der Cartoonist und Schauspieler Loriot hat einmal gesagt: „Der Muttertrieb ist gefährlicher als die Atombombe.“ Das scheint in Deutschland nicht der Fall zu sein, denn die Geburtenzahlen der letzten Jahre strafen diese Aussage der Lüge. Doch Loriot hat dies wohl zu einer Zeit behauptet, als die Geburtenzahlen noch stimmten, die Väter ihrer Rolle als Ernährer gerecht werden konnten und die Frauen sich um Kind und Kegel zu kümmern hatten. Die Welt war noch – oder wieder – in Ordnung: oben war oben und unten war unten.
Doch nun ist – bedingt durch viele Umbruchprozesse in der Gesellschaft – alles ein wenig umgekehrt. Eine vierköpfige Familie kann heute von einem Ernährergehalt nicht mehr leben und die Frauen wollen sich nicht ausschließlich um Heim und Herd kümmern, d.h. die traditionellen Familienstrukturen greifen nicht mehr. Mutterglück mutiert zum Gluttermück – zeigt die Autorin, selbst Mutter einer Tochter und Journalistin, Korrespondentin, auf.
Anzeige Dabei gehört Deutschland zu den Ländern in Europa, die mit am meisten Geld für Familien ausgeben. Ist das nicht ein Widerspruch? Ein gewaltiges Budget für Familie und Kinder und trotzdem so viele unzufriedene Frauen, die sich der Natur verweigern und keine Kinder bekommen?
Die These der Autorin ist folgende: Deutschland gibt zwar viel Geld aus, aber leider gibt es eben dieses viele Geld falsch aus. Statt ein umfassendes Betreuungsnetz, wie es die Autorin fordert, zu schaffen, in dem Kinder gefördert und gefordert werden und in dem das Haushaltsbudget der Eltern keinen – vor allem keinen negativen – Einfluss auf die Entwicklung ihres Kindes hat, fördert der deutsche Staat das „Hotel Mama“.
Frauen nehmen zwei bis drei Jahre Erziehungsurlaub, auf ihren Arbeitsplatz kommt in dieser Zeit eine Mutterschaftsvertretung – und so schlägt der deutsche Staat zwei Fliegen mit einer Klappe, indem auf diese Art und Weise die Arbeitslosenstatistiken schön gerechnet werden.
Karin Deckenbach führt als Grund und Ursache für das heutige Dilemma die Familienpolitik der siebziger und achtziger Jahre an. Frauen wurde eingeredet, dass sie Rabenmütter seien, wenn sie ihre Kinder in sogenannte „Verwahranstalten“ geben. Und dieses Bild der Rabenmutter, die ihr Kind vernachlässigt, ist in den Köpfen der deutschen Frauen bis heute ebenso präsent, wie im absoluten Gegenteil beispielsweise eine französische Frau niemals auf die Idee käme, sich als Rabenmutter zu sehen, nur weil sie ihr Kind in eine école maternelle gibt.
Und schaut frau sich die Kindergärten – ganz zu schweigen von den Kinderkrippen – an, hat sie oftmals auch keine Lust, ihr Kind dort abzugeben. Denn viele sind in einem Kinder nicht würdigen Zustand bzw. in ihren Öffnungszeiten und Angeboten zu unflexibel. Das ist weniger eine Kritik an den Erzieherinnen, als am jeweiligen Bundesland, das dementsprechend der Kinderbetreuung viel oder wenig Aufmerksamkeit – und damit Geld – schenkt.
Die Autorin baut ihr Buch auf zwei Säulen auf: Einerseits der Ursachenforschung, den Analysen, den Zusammenhängen und andererseits auf Berichten von „Betroffenen“ – wie Susanne, Katrin oder Andreas –, die so einen Familienalltag mit all seinen Freuden und Tücken veranschaulichen. Einige inhaltliche Wiederholungen in ihrer Darstellung hätte sie allerdings vermeiden können.
Karin Deckenbachs konkrete Message an die Politik ist: Familie und Beruf müssen in Deutschland vereinbar sein. Dann regelt sich das Problem mit den sinkenden Geburtenraten von allein. Denn dann trifft das zu, was Loriot schon gesagt hat, nämlich dass der Muttertrieb gefährlicher ist als eine Atombombe.
Fazit: Ein aufschlussreiches Buch über den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Hintergrund der heutigen Familienpolitik und der demographischen Misere in Deutschland mit konkreten Lösungsvorschlägen.