Eigentlich ist ein sechzehnter Geburtstag etwas, worauf man sich in der Regel freuen kann, doch bei Rosalie ist das anders. Als überzeugte Pubertierende regt sie das Drumherum eigentlich nur auf. Einer der Gründe ist ganz sicher der Besuch bei ihrer seit sechzehn Jahren im Koma liegenden Mutter, was sie nur schwer verdauen kann. Erst recht unerträglich sind die Streitigkeiten zwischen ihrem hoffenden Vater und ihrer dem Leid ihrer Tochter ein Ende setzen wollenden Großmutter. Ihre schulischen Erfahrungen gehören ebenfalls in die Kategorie des unvermeidlich Unangenehmen. Wenn dann auch noch ein Mann bedrohlich schweigend ausschließlich für sie sichtbar in ihr Leben tritt und sie urplötzlich Stimmen hört, dann ist der Tag wahrlich keiner für eine ausgelassene Party.
Schon bald stellt Rosalie Verbindungen zwischen den so ungewöhnlichen, gespenstischen Geschehnissen mit den Geschehnissen ihrer Mutter her, die schließlich auch Stimmen hörte. Als sie dann auch noch einen Zugang zu den unterirdischen Katakomben und Gängen der Stadt im Keller entdeckt, ist es um ihre Gelassenheit endgültig geschehen.
Nach den anfänglich etwas in gemäßigtem Tempo erzählten familiären Hintergründen Rosalies zieht der Autor Peter Schwindt den Spannungsbogen gehörig an. Es ergreift einen schnell ein leichter Grusel, der sich auch noch steigert, als Rosalie von ihren ersten Erkundungen zurückkehrt und daraufhin erst recht Nachforschungen anstellen will, was Alles mit dem geheimnisvollen Mann, den flüsternden Stimmen, ihrer Mutter und mit ihr zu tun hat.
Durch seine unregelmäßige Arbeitszeit als Psychiater kaum anwesender Vaters und die etwas angespannte und etwas in den Hintergrund getretene Beziehung zu ihren Freundinnen zunächs auf sich allein gestellt findet die Protagonistin wenigstens in dem afrikanischen Jungen Ambrose einen Gesprächspartner, wenngleich auch dieser zunächst etwas zurückhaltend kritisch die Situation bewertet und Rosalie eher in ihren Nachforschungen bremsen möchte.
Eine Zufallsbekanntschaft Rosalies mit einem der reichsten Männer der Stadt gibt der Geschichte weiteren Schwung und sorgt für neue Erkenntnisse hinsichtlich des mysteriösen und inzwischen als Exhausmeister ihrer Schule identifizierten Mannes. Das Grauen für die Sechzehnjährige verdichtet sich zusehends. Die Einblicke in die düstere Welt der endlosen Unterwelt der über dreihundert Kilometer langen Gänge und Kanäle Paris’ werden immer wichtiger, aber – wie sich nach dem letzten Gang Rosalies herausstellt – immer gefährlicher.
Der erste von drei Bänden der absolut spannenden und für unter Dreizehn- oder besser Vierzehnjährige kaum zu verkraftenden Geschichte endet für das Mädchen im Krankenhaus, wo sie nach dem Aufwachen neben ihrer eigenen Leidensgeschichte eine weitere schmerzliche Nachricht erfährt.
Das latent vorhandene Übersinnliche gekoppelt mit den Überlegungen zum Wert des Lebens und der ethischen Frage, ob und wer eine Euthanasie entscheiden kann, beeindrucken in dem Kontext der Abenteuergeschichte sehr. Die geradezu geschickt eingeflochtenen Entscheidungsargumentationen, vertreten durch die Großmutter, den Vater und ihre Enkelin zeigen nicht nur die Positionen dreier Generationen und Betroffenheiten auf, sondern kennzeichnen die sozial-spirituelle Spannung aktueller Auseinandersetzungen um Menschenbild und Menschenwürde. Klug gemacht, sensibel und hilfreich.
Nun heißt es jedoch einige Monate Geduld haben – für die schwer verletzte Kataphile (so bezeichnet man diejenigen, die sich in den unterirdischen Grabstätten und Gängen herumtreiben) und viel mehr noch für alle, die sich beim Lesen unbemerkt in das aufregende Leben Rosalies und die gespenstische Unterwelt der französischen Metropole mit hineinziehen ließen. Schließlich wird bis zum Erscheinen des zweiten Bandes der Trilogie noch eine Menge Wasser die Seine hinab fließen.