Ein Mexikaner, der sichLa Mosca Humana, die menschliche Fliege, nennt, betritt das Büro eines Hollywood-Agenten, bekleidet mit einem Cape und einer roten Badekappe. Der Mann heißt eigentlich Zoltan, ist Stuntman, furchtlos, zu allem bereit – und der Agent lässt sich wieder und wieder dazu überreden, dessen immer obskurer werdende Darbietungen zu vermarkten.
Damit beginnt die erste von insgesamt sechs Geschichten, die der Herausgeber Armin Abmeier aus dem Jahrzehnte währenden Schaffen von T.C. Boyle ausgewählt hat – die älteste Erzählung wurde im Jahr 1974, die neuste im Jahr 1994 zum ersten Mal veröffentlicht. Sie zeigen, obwohl sie nicht chronologisch geordnet vorliegen, Boyles Entwicklung vom klassischen Geschichtenerzähler zum Fortspinner verrückter Ideen, die mit immer böserem Humor gespickt werden.
Aus heutiger Sicht sind die frühen Erzählungen noch sehr im Geist der traditionellen amerikanischen Kurzgeschichte verwurzelt. Hierzu zählen die Erzählungen „Der Polarforscher“, der die Geschichte eines Forschungscamps in der Wildnis des ewigen Eises erzählt, wo sowohl einheimische Eskimos als auch auswärtige Forscher ums Überleben kämpfen müssen, und besonders „Greasy Lake“, eine Erzählung über jugendliche Halbstarke in Amerika. Eher aus dem Rahmen fällt da der Text „Ein Herz und eine Seele“, in dem das Thema einer bekannten Fernsehserie aufgegriffen und karikiert wird.
Gegen diese frühen Erzählungen zeichnen sich die Texte jüngeren Datums durch mehr Groteske und durch stärker hervortretende satirische Elemente aus. „Ende der Nahrungskette“ erzählt von dem Versuch, eine Krankheiten übertragende Insektenart auszurotten, und dem daraus resultierenden Schaden am ökologischen Gleichgewicht, das dann durch immer drastischere Maßnahmen wieder hergestellt werden soll und dabei immer weiter ins Ungleichgewicht ausschlägt. „Großwildjagd“ beschreibt eine Farm, auf der reiche Amerikaner afrikanische Wildtiere von der Antilope bis zum Elefanten jagen können, solange sie den erforderlichen Preis zahlen.
Wenn man Boyles Erzählungssammlungen kennt, dann wirkt diese Auswahl leider eher schwach. Insbesondere die frühen Erzählungen, als erste Versuche in Boyles Studienzeit entstanden, verblassen gegenüber manchen späteren Perlen, und Höhepunkte wie „Jägerinnen und Sammler“ und „Blutregen“ vermisst man in dieser Auswahl. Auch in der Erzählweise etwas ungewöhnlichere Texte wie „Tod durch Ertrinken“ hätten hier ihren Platz verdient, fehlen aber leider.
Der Sammelband richtet sich in erster Linie an ein jugendliches Publikum und wird vermutlich auch in etlichen Schulstunden zum Einsatz kommen. Besonders köstlich liest sich vor diesem Hintergrund Boyles Nachwort, in dem er darüber plaudert, wo und wie ihm die Einfälle zu seinen Geschichten gekommen sind. Vor allem aber weist er darauf hin, dass seine Erzählungen vor allem eines erreichen sollen – dass der Leser sich amüsiert. Dass man hingegen Schüler und Studenten Hausarbeiten und Erörterungen über seine Texte schreiben ließe, sei nicht seine Absicht gewesen, entschuldigt er sich bei seinen jungen Lesern. Dieses Nachwort, der heimliche Höhepunkt des Buches, sollte Pflichtlektüre für alle Deutsch- und Englischlehrer werden!
T.C. Boyle Der Fliegenmensch und andere Stories Deutsch von Werner Richter u.a.
Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner
Empfohlen ab 15 Jahren
dtv Reihe Hanser
154 Seiten, EUR 8,50
ISBN 3423622679