Der Duft des ewigen Lebens Heinrich Steinfest lässt in seinem neuen Krimi weder Lebende noch Tote ruhen
Steinfests Kriminalromane laden zum Staunen, Schmunzeln und Spekulieren ein. Der Mord mit all seinen Facetten steht für den "gelernten Wiener" weniger im Zeichen der Spannung als vielmehr im Visier alltagsphilosophischer Reflexionen.
So handhabt der Autor es auch in seinem neuesten Krimi "Ein dickes Fell", in dem sich angeblich alles um die mörderische Jagd nach der "Rezeptur eines geheimnisvollen Wunderwassers" drehen soll. Doch bis darauf die Sprache kommt, führt Steinfest erst mal seine Hauptfiguren ein. Die kurioser, komischer und kauziger nicht sein könnten.
Als da wären:
Anna Gemini Attraktiv-aufopferungsvolle Mutter eines geistig behinderten Sohns, die zur perfekten Auftragskillerin mutiert, um sich eine gemütliche Traumvilla leisten zu können.
Kurt Smolek Geheimnisvoll-korrekter Stadtarchivar, der sich auf die Vermittlung von Auftragsmorden spezialisiert hat und nach dem "Prinzip, den Ermordeten die Ermordung selbst zahlen zu lassen" verfährt. Und Anna Gemini mit Arbeit versorgt.
Markus Cheng Einarmig-abwartender "Detektivmensch" mit altersschwachem Hund, der Anna Gemini den Mord an einem norwegischen Diplomaten in Wien nachweisen soll. Nichts beweisen kann, aber dafür auf zahlreiche neue merkwürdige Verbrechen stößt. Cheng agiert in diesem Fall frei nach dem Motto Wittgensteins: "Ein philosophisches Problem hat die Form: "Ich kenne mich nicht aus."
Und da "Handikaps ... nun mal seine Stärke" sind, ist der charmante Chinese mit Wiener Wurzeln genau der richtige Mann für einen vertrackten Fall wie diesen, der von Anfang an aus vielen kleinen Fällen besteht. Was es dem Detektiv und dem Leser nicht gerade leicht macht, der zentralen Fährte und den Hauptverdächtigen zu folgen. Denn zwischenzeitlich taucht in Steinfests Krimi-Panoptikum der durch ein Zeitloch gefallene Komponist Apostolo Janota auf oder ein Finanzexperte, der seine Noch-Ehefrau erschlägt und wenige Minuten später mit ihrer Leiche unter den Trümmern eines eingestürzten Hauses gefunden wird.
Dass Steinfest seine Leser mit diesen Episoden, Begegnungen und Figuren bewusst in die Irre führen will, ist kaum anzunehmen. Dazu liegen sie bereits zu weit im dramaturgischen Abseits. Mit den Betrachtungen über Klosterfrau Melissengeist und andere Randthemen gibt Steinfest seiner erzählerischen Leidenschaft an außerkriminellen Exkursen nach. Seite für Seite serviert er dem Leser philosophisch verdaute Alltagsbeobachtungen in immer neuem Gewand. Sätze wie "Gedanken sind natürlich das, was allgemein von Insekten behauptet wird: lästig" oder "Es war betrüblich mit ansehen zu müssen, wie ein unfrei gewordener Mensch nur noch von Adidas-Streifen aufrecht gehalten wurde" sind bei Steinfest keine Seltenheit. Bei ihm findet man keine Klischees, keine abgedroschenen Phrasen oder Metaphern. Hier ist alles originell und original gedacht.
Dass bei solchen Bonmots der tödliche Showdown fast schon zur Nebensache wird, ist typisch Steinfest. In Wien zähle das Dramatische weniger als "das Komische und Leichtfüßige", schreibt er und liefert damit eine perfekte Beschreibung seiner Krimikunst, die 600 Seiten locker trägt und mit einem Feuerwerk an intelligenten Einsichten und überraschenden Aussichten aufwartet.
Fazit: Steinfests Krimis sind eine Klasse für sich!
Heinrich Steinfest Ein dickes Fell Kriminalroman. Piper München 2006
608 Seiten. 15,00 Euro
ISBN 3-49227117-0