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Beim Schreiben allein PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans Peter Roentgen, am 10-08-2006 14:00
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Joyce Carol Oates - Beim Schreiben alleinHandwerk und Kunst 

»Inspiriert sein – wir wissen genau, was es bedeutet, manchmal sogar, wie es sich anfühlt, aber was ist das genau? Das plötzliche – und häufig hilflose – Gefühl von frischer Energie, frischem Leben, eine Erregung, die kaum bezähmt werden kann; aber warum manches – ein Wort, ein Blick, eine Szene, heimlich von einem Fenster aus beobachtet, eine flüchtige Erinnerung, ein Duft, eine Anekdote aus einem Gespräch, ein Bruchstück von Musik oder eines Traums – die Macht hat, uns zu intensiver Schaffenskraft anzuregen, während anderes keine Wirkung zeigt, können wir nicht sagen.

Wir wissen alle aus Erfahrung, wie es sich anfühlt, sich inspiriert zu fühlen, doch wir können nicht darauf vertrauen, dass wir auch in Zukunft inspiriert werden. Die meisten Schriftsteller arbeiten verbissen in der Hoffnung, dass die Inspiration zurückkehrt, aber manchmal ist es, als ob man wieder und wieder versucht, ein feuchtes Streichholz anzuzünden, in der Hoffnung auf ein Flämmchen, bevor das Holz bricht.
Ich glaube, die frühen Surrealisten hatten Recht: Die Welt ist ein Wald von Zeichen, die wir interpretieren müssen.“«

Joyce Carol Oates, die große alte Dame der amerikanischen Literatur, setzt sich in dreizehn Essays mit Literatur, Dichtern und dem Schreiben auseinander.

Einem Bekenntnis als Schriftstellerin folgt eine Liebeserklärung an die Zwergschule, in der sie 1943-47 das Lesen entdeckte als Mittel, die Welt der Erwachsenen zu verstehen. Aber Oates wäre nicht Oates, wenn sie hier nur romantisch verklärte Erinnerungen schildern würde.

„Erste Lieben“ schildert ihre erste Begegnungen mit Büchern, Alice im Wunderland wurde der große Schatz ihrer Kindheit und gleichzeitig der prägende Einfluss auf ihr späteres literarisches Leben.

An einen jungen Schriftsteller sind vier Seiten Ratschläge: „Schreib dir die Seele aus dem Leib“ Gerichtet.

„Laufen und Schreiben“ erinnert daran, wie sehr Bewegung den Geist beflügeln kann und wie viele Autoren durch Wanderungen, Laufen inspiriert worden sind.

„Welch mir unbekannte Sünde“ beschäftigt sich mit der Genese der Kunst, Kunst entspringt dem Spiel und wird durch die Rebellion genährt und der Künstler ist von Geburt an verdammt, so ihre Thesen.

„Bemerkungen über das Scheitern“: Ist der Künstler insgeheim ins Versagen verliebt? Ist Scheitern, Selbstzweifel nötig, um wirklich große Werke schaffen zu können?

„Inspiration!“ geht den oft seltsamen Wegen nach, die Schriftsteller auf Ideen bringen und brachten.

„Als Schriftsteller lesen: Der Künstler als Handwerker“ erinnert daran, dass alle Schriftsteller nicht völlig Neues schaffen, sondern immer auch von Vorgängern lernen, Bücher gelesen haben, die sie für den Rest ihrer Laufbahn prägten – und das waren nicht notwendigerweise Bücher, die ihrem eigenem Schreibstil entsprachen. Am Ende diskutiert sie zwei Kurzgeschichten, „Hügel wie weiße Elefanten“ von Hemingway und „Die Dame mit dem Hündchen“ von Tschechow.

Die rätselhafte Kunst der Selbstkritik: „Selbstkritik ist, wie an sich selbst ausgeführte Hirnchirurgie, vermutlich keine gute Idee“. Die meisten Schriftsteller tun sich hart damit, ihre eigenen Werke richtig einzuordnen. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich?

Ein weiterer Essay schildert ihr Arbeitszimmer und den Abschluss bildet ein Interview zu ihrem Roman „Blond“, in dem sie die Geschichte der Norma Jean Baker schildert, besser bekannt als Marylin Monroe.

Das Buch ist eine Sammlung verschiedener Artikel, die zu unterschiedlichen Themen unabhängig voneinander geschrieben wurden. Niemand sollte also einen kohärenten, abgeschlossenen Text erwarten, dafür findet der Leser eine Fülle von Überlegungen zu Literaten und Büchern, geschrieben von einer profunden Kennerin anglo-amerikanischer Literatur. Ein Buch zum Schmökern, ein Buch, das viel darüber verrät, wie Schriftsteller gearbeitet haben, welche Schwierigkeiten sie hatten, was sie von den eigenen Werken hielten, wie sie beeinflusst wurden.

Fazit :Für jeden, der sich für Literatur und Literaturgeschichte interessiert, eine lesenswerte Essaysammlung.

Joyce Carol Oates
Beim Schreiben allein
(Originaltitel: The Faith of a writer)
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter
Essaysammlung
Autorenhaus Verlag, 2006
gebunden, 160 Seiten, Euro 8,50
ISBN 3-86671-002-X

 

Hier bestellen:



Letztes Update: 06-10-2006 17:02

Veröffentlicht in : Buch, Ratgeber
Schlüsselworte : Literatur, Oates, Selbstkritik, Kunst und Handwerk, creative writing, kreatives Schreiben, autorenratgeber
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