Hamburg stöhnt unter einer Hitzewelle, wie die Stadt sie seit Jahren nicht erlebt hat. Auflösungserscheinungen machen sich an allen Ecken und Enden bemerkbar, auch bei Immobilienmakler Thomas Mader. Seltsam unbeteiligt erlebt er mit, wie die Grundlagen seines Lebens – Ehe, Familie und Beruf - gleichsam zu schmelzen beginnen. Dann geschieht im Innocentia Park ein Unglück...
Vierzig Grad im Schatten – Hamburg ersehnt nur noch eines: Den Regen. Auch Immobilienmakler Thomas Mader gehört zu den Opfern des unbarmherzigen Sommers. Seine Ehe zerbröselt langsam, mit seinem in der Ferne lebenden Sohn Bernhard kommuniziert er ohnehin nur noch über dessen Verlobte Elisabeth. Nun löst er auch noch sein Geschäft auf, um sich vollkommene Freiheit zu verschaffen.
Von allen Fesseln befreit, lässt sich Mader wie ein Träumender durch die Hitze treiben. Er spielt grausame Spielchen mit seinen Mitmenschen, verändert sein Aussehen und widmet sich seinem Hobby Astrid, einer jungen Frau, der er durch anonyme Geldspenden hilft, sich und ihrem Sohn Max ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch dieser Akt der Menschlichkeit droht ihm zum Verhängnis zu werden.
Selten war ein Klappentext so irreführend wie im Fall von Innocentia Park. „... jeden Nachmittag geht eine Mutter mit ihrem Sohn auf einen Spiellatz im Park. Doch sie sind nicht allein. Jemand beobachtet sie. Und plötzlich ist der kleine Junge verschwunden...“ So heißt es, und was der Leser nach dieser Einleitung erwarten darf, ist ein Kriminalroman um ein entführtes Kind und den Täter.
Nichts dergleichen! Der kleine Junge verschwindet zwar, doch dieses Unglück ereignet sich erst im letzten Viertel dieses skurrilen Gesellschaftsromans. Im Mittelpunkt steht vielmehr Marder und sein langsamer Auflösungsprozess. Erzählt wird die Geschichte in einem einzigen, oft verworrenen inneren Monolog des Protagonisten, der sich und seine Außenwelt mit immer größerer Distanz unter die Lupe nimmt.
Der Stil verlangt dem Leser einiges ab. Doch wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, entwickeln Sprache und Inhalt einen eigenen Sog. Die Episoden, die zu Beginn des Romans nur verwirren, fügen sich langsam zusammen, den Kitt bilden sprachlich ungewöhnliche, doch mit großer Schärfe beobachtete Szenen und Bilder.
Ob es dem Leser gelingt, eine Beziehung zu Mader aufzubauen, ist fraglich. Trotz seiner durch und durch bürgerlichen Stellung ist Mader kein Jedermann, eher das Gegenteil. Langsam aber rutscht er aus seiner Rolle ins gesellschaftliche Abseits, weniger Identifikation als vielmehr die Beobachtung des Fremden macht den Reiz des Lesens aus.
Erst am Ende ist auch der distanzierte Leser gezwungen, sich mit Maders Schicksal auseinanderzusetzen. Doch Antworten werden ebenso verweigert wie eindeutige Zuordnungen von Sympathie und Antipathie. Zurück bleibt ein leicht schräges Portrait einer Gesellschaft, die in Lügen und Grausamkeit ihren ganz besonderen Kick findet.
Ingvar Ambjörnsen Innocentia Park (Originaltitel: Innocentia Park)
Übersetzt von Gabriele Haefs
Scherz
223 Seiten, EUR 18,90
ISBN 3-502-10055-1