Königliches Versteckspiel Antal Szerb gönnt einem fiktiven König eine bürgerliche Existenz
Es ist erstaunlich, welche Komik und Fabulierlust ein Autor aufbringen kann, wenn ihm wegen seiner jüdischen Abstammung Verfolgung und Vernichtung drohen können. Die Rede ist von dem ungarischen Literaturhistoriker und Romancier Antal Szerb, der 1943 noch seinen Schelmenroman "Oliver VII." veröffentlichen konnte und nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Budapest im März 1944 relativ bald in ein Arbeitslager verbannt und dort von einem Aufsehern erschlagen wurde.
Fluchtort zum Flüchten
In der Posse von dem gutwilligen, aber seiner Pflicht als König überdrüssig gewordenen Herrschers Oliver VII. weist nichts auf die antisemitische Stimmungen in Ungarn oder die schwelende faschistische Bedrohung hin. Das fantastische, verarmte und von "poetischen Seelen" bevölkerte Königreich Alturien liegt zwar inmitten real existierender europäischer Staaten, aber nichts legt den Verdacht einer Utopie oder Satire nahe, die sich an der politisch-brisanten Gegenwart abarbeitet. Alturien ist vielmehr ein fiktiver Fluchtort, der selbst zur Flucht Anlass gibt. Und zwar den fiktiven König, der seiner Entthronung nicht nur gelassen, sondern erwartungsvoll entgegensieht.
So gestaltet sich der von seinen nächsten Verwandten und dem Militär angezettelte Umsturz zu einer Farce. Innerhalb weniger Minuten liegt das Königreich in den Händen des 75-jährigen Fürsten Geront und seiner machthungrigen Tochter Clodia. Oliver VII. indes dankt verschmitzt ab und wart nicht mehr gesehen. Was wiederum die Verschwörer in Unruhe versetzt, die schon bald nach ihm suchen lassen. In Venedig spürt ihn der von Fürstin Clodia ausgesandte Maler Sandoval auf. Der mittelmäßige Künstler, aber glänzende Beobachter wird alsbald Zeuge und Akteur in einem königlich-amüsanten Versteckspiel. Denn Oliver VII. entpuppt sich als genialer Hochstapler, der seine Identität leugnet, um sich ihr dann doch wieder zu nähern.
Gespielte Einfalt
Ob er das bewusst oder unbewusst, gewollt und ungewollt einfädelt, bleibt in der Schwebe. Er reagiert vielmehr geschickt auf die Intrigen, die um ihn herumgesponnen werden. Einen fiktiven Grafen, der aus gefälschten Gemälden und später aus Olivers aristokratischen Vergangenheit Kapital schlagen will, sieht sich in des Königs gespielter Einfalt ebenso getäuscht wie viele andere Romanfiguren. Insonderheit die schöne Marcelle, die Oliver vor allem wegen ihrer natürlichen "Grobheit" liebt. Und es genießt, nicht als König verehrt oder gehasst, sondern als einfacher Mensch wahrgenommen zu werden.
Doch so sehr er sich auch von Kindesbeinen gewünscht hat, "niemals König sein zu wollen", kann Oliver VII. seine aristokratische Berufung nicht ohne weiteres abschütteln. Allerdings macht er aus dieser Einsicht das Beste für sich und sein Volk. Wo ihn sein "Abstecher ins Leben" am Ende hinführt, soll hier nicht zum Besten gegeben werden. Man lasse sich lieber in das Netz von Verwicklungen, Verwandlungen und Verschwörungen hineinziehen, das Szerb so raffiniert und reizvoll geknüpft hat. Ein Schelmenroman, der an Georg Büchners hintersinnige Komödie "Leonce und Lena" erinnert, aber weniger melancholisch und viel verspielter mit den Figuren balanciert. Ein flotter, ein boulevardesker Roman, der vom Abenteuer des fiktiven Rollenspiels und der Ironie des Schicksals erzählt. Möge Szerb darin einen Trost gefunden haben. Seinen nachgeborenen Lesern hat er mit diesem kleinen Roman jedenfalls eine Freude bereitet.
FAZIT: Ein königliches Lesevergnügen.
Antal Szerb Oliver VII. Roman
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006
176 Seiten. Euro 8,50.
ISBN 3-423-13474-7