Matussek und Langenscheidt propagieren eine etwas zu entspannte Vaterlandsliebe
Dürfen die Deutschen stolz auf sich und ihr Land sein? Angesichts ihrer braungefärbten Vergangenheit und der wirtschaftsdepressiven Gegenwart? Matthias Matussek, Kulturchef des SPIEGEL, und Florian Langenscheidt, Spross des gleichnamigen Verlags sowie erfolgreicher Unternehmer und Publizist, beantworten die Frage eindeutig mit JA. In ihren neuesten Publikationen wollen sie beweisen, dass man uns Deutsche gern haben kann und welche Gründe es gibt, Deutschland gerade heute zu lieben. Dabei stimmen Matussek und Langenscheidt ein Hohelied auf den friedfertig-optimistischen Patriotismus an. Allerdings mit sehr unterschiedlichen Instrumenten und Stimmen.
Der Kulturpatriot und der Wirtschaftspatriot
Während Matussek deutsche Kulturgüter und Tugenden lobt, preist Langenscheidt vor allem die wirtschaftliche Innovationskraft der Bundesrepublik. Aber auch "typisch" deutsche Landschaften, Architekturen, Orte, Eigenschaften, Ereignisse und Prominente aus Sport, Fernsehen, Kultur, Politik und Mode geraten bei ihm ins Blickfeld. Matussek schwärmt fürs Deutschsein in trennscharfer Abgrenzung zum Nicht-Deutschsein. Mal polemisch-provozierend, mal enthusiastisch-engagiert. Langenscheidts Redakteure hingegen bevorzugen den positiv-werbenden PR-Ton.
Matussek ist ein verspäteter Linker aus den Siebzigern, der deutschen Nationalgefühlen lange Zeit ablehnend oder gleichgültig gegenüberstand. Erst als er für den SPIEGEL in die USA, nach London und Rio de Janeiro ging, keimte in ihm so etwas wie Vaterlandsliebe auf. Immer dann, wenn er als Auslandskorrespondent die Deutschland-"Klischees und Herabsetzungen" der Gastgeber zu hören bekam. Aber auch die "historischen Besserwisser" aus dem Lager der 68er, die sich gegen jede Form von Nationalismus mit Hinweis auf Auschwitz wehren, lassen ihn zum Patrioten mutieren. Den Briten nimmt er ihre nationale, den 68ern ihre moralische Überheblichkeit übel.
"Emotionaler Turnaround" und "Kulturelle Affirmation"
Langenscheidt wirbt in seiner Eigenschaft als Verleger und Mitglied diverser Verbände schon lange für Deutschland als Land der Ideen. Er schreibt als Wirtschaftspatriot gegen die anhaltende Katastrophenstimmung in der Öffentlichkeit an. Gegen die Miesmacher und Schwarzmaler, die ein halbvolles Glas immer als halbleer bezeichnen. "Deutschland braucht den emotionalen Turnaround", tönt Langenscheidt im anglikanisch angehauchten Werberdeutsch. Psychologischen Laien ist der Optimismus des Herausgebers bereits längst als "Positive Thinking" bekannt. So finden sich Sätze wie "Schaffen wir die Wende zur positiven Selbstwahrnehmung, werden wir ungeahnte Innovationskraft freisetzen können" oder "Wir wollen unseren Beitrag leisten, dass die Stimmung in unserem Land besser wird und wir Deutschen im globalen Wettbewerb bestehen" in seinem Vorwort zuhauf. Langenscheidts Buch ist das Gegenteil zu Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein. Es ist eine "Anstiftung zum Glücklichsein", bei der ihn Prominente wie Fußball-Legende Franz Beckenbauer oder Nachrichten-Dame Petra Gerster tatkräftig unterstützt haben. Aus einer Flut von Gründen, Deutschland heute zu lieben, haben sie die 250 vermeintlich wichtigsten ausgewählt.
Auch Matussek glaubt, dass eine Nation ohne Stolz nicht fähig sei, "die eigene Zukunft zu meistern." Im Gegensatz zur Promi-Jury versucht er die Deutschen mit seinem ganz persönlichen Nationalstolz anzustecken. Als Feuilletonist glaubt er an die nationale Bindekraft der "kulturellen Affirmation." Die Erinnerung und Bejahung der deutschen Kultur - wie er sie verstanden hat und liebt - sollen zur Identifikation ermuntern. Der rebellische Dichter Heinrich Heine und der wagemutige Naturforscher Alexander von Humboldt zählen zu seinen beiden Vorzeigehelden. An deren Geistes- und Tatkraft solle man sich erinnern und erfreuen, wenn man an Deutschland denke.
Gartenzwerge und andere Lieblinge
Soweit die hehren patriotischen Absichten. Aber was haben die beiden Bücher inhaltlich wirklich zu bieten. Langenscheidts "schwer wiegendes" Kompendium erzählt vornehmlich die Erfolgsgeschichte deutscher Unternehmen, Medien und Prominenter. Von Adidas bis Zeiss sind fast alle namhaften Markenhersteller vertreten. Von Bild bis ZEIT fast alle bekannten deutschen Printprodukte. Mario Adorfs Schauspielerkarriere steht neben der Modekarriere von Wolfgang Joop oder der Politkarriere von Helmut Schmidt. Aber auch von deutschen Sekundärtugenden wie Gründlichkeit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit ist die Rede. Genauso wie von Sauerkraut, Kölner Dom, Wattenmeer oder deutschen Autobahnen. Das vorgestellte Spektrum der Personen, Produkte, Orte und Befindlichkeiten ist bunt und reichhaltig. Es ist ein Schmöker, der das ein oder andere interessante Fundstück parat hält. Dass Walter Ulbricht den "Gartenzwerg" wegen seiner kleinbürgerlichen Symbolik in der DDR verbot ist ebenso nachzulesen wie die Tatsache, dass die Steinzeitkreaturen schon vor 36.000 Jahren Blasmusik spielten oder die Berliner von ihren 416.000 Bäumen mit Frischluft versorgt werden.
Matussek trumpft weniger mit Daten und Fakten als mit Begegnungen und Betrachtungen auf. Er trifft junge, erfolgreiche Künstler, deren entspanntes Verhältnis zur deutschen Nation rühmt. Führt Interviews mit Harald Schmidt, Heidi Klum, Klaus von Dohnanyi, Peter Sloterdijk oder Sarah Kuttner, die gelegentlich erstaunliche Antworten wie diese geben: "Die Juden hatten es ja sogar in den ersten Nazi-Jahren besser als damals die meisten Schwarzen im Süden" (Klaus von Dohnanyi). Oder belanglose wie diese: "Es sind schon viele Freunde von mir aus Amerika gekommen und haben mal den Karneval mitgemacht, die haben so etwas noch nie gesehen. Die fanden das toll, witzig, ausgelassen, das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Die finden uns Deutsche eigentlich sehr locker, und ich auch." Genauso locker findet Matussek die deutschen Tugenden Pünktlichkeit, Ordnung und Sicherheit sowie das Bildungsbürgertum, dessen Renaissance er herbeischreiben möchte. Als "konservativer Revolutionär", der unter Bildungsbürgern "fröhliche, weltzugewandte, moderne Menschen" mit einer Vorliebe für Mozart und alles Schöne versteht.
Purer Erfolgspatriotismus
Und so strahlen beide Bücher in punkto Deutschland eitel Sonnenschein aus. Allerdings eine Überdosis, die blind macht für die Schattenseiten. Ohne die ist ein anständiger Patriotismus nicht zu haben und weder nach innen noch nach außen glaubwürdig zu vermitteln. Denn Langenscheidt und Matussek unterschlagen eine Leistung, worauf die Deutschen mit Recht stolz sein können: Das gründliche, mitunter selbstquälerische Durchleuchten der unseligen Nazi-Vergangenheit. Ohne diese historische Anstrengungen wären ihre Bücher kaum denkbar. Doch die kritische Selbstvergewisserung bleibt aus, weil sie das optimistische Bild trüben und den patriotischen Elan ausbremsen könnte. Eine kritische, selbstironische Note hätte diesem neuerwachten Patriotismus gut getan. Es spräche für eine verspielte Souveränität und keineswegs für permanente Selbstgeißelungen.
Stattdessen putz Langenscheidt das Schaufenster Deutschland blank und stopft es mit allerlei Markenartikel voll. Natürlich kann man sich über Deutschlands erfolgreichste Unternehmen und Produkte freuen. Aber wen macht das privat glücklicher oder optimistischer. Wer sich allein über abstrakte Wirtschaftsdaten oder traditionsreiche Markenartikel definiert, verliert schnell seine persönlichen, eigenen Werte, Tugenden und Leistungen aus dem Blick. Stolz, Optimismus und Initiative beim Einzelnen weckt man bestimmt nicht durch Trauerreden, aber auch nicht allein durch Lobeshymnen. Was die Deutschen über die wirtschaftliche Innovationskraft hinaus verbindet, wäre interessant gewesen. Aber auch die Artikel über deutsche Tugenden oder vermeintliche Klischees geben da nicht viel her. Das Stichwort "Reinlichkeit" führt direkt zur Marke "Persil" und Skat lässt sich am besten mit den traditionsreichen "Altenburger Spielkarten" kloppen. Von den verbindenden Ritualen dieses wahrhaft urdeutschen Kartenspiels erfährt man nichts.
Über die ausgewählten Gründe zu streiten, ist in der Tat müßig und bei diesem Ansatz auch vollkommen überflüssig. Trotzdem klafft gerade bei Langenscheidt eine schmerzliche Lücke. Das Stichwort "Deutsche Sprache" fehlt. Was schweißt die deutsche Nation fester zusammen und demonstriert die kulturellen Leistungen umfassender als ihre Sprache, die für ihr Differenzierungs- und Ausdruckspotenzial weltweit geschätzt wird.
Eitler Kulturpatriotismus
Keine Minute hätte Matussek gezögert, dieses Stichwort zu glorifizieren. Denn die deutsche Sprache ist seine schärfste Waffe bei der Verteidigung seines plötzlich aufgeblühten Nationalstolzes. Mit dieser schneidet er sich jedoch gelegentlich ins eigene Fleisch. Mit deutscher Sprache und Kultur will er bewusst polarisieren und provozieren. Und verbreitet dabei ein bildungsbürgerliches Klima der unangenehmsten Art. Ob "Wir Deutschen" uns darin wiedererkennen oder gar darin wohlfühlen, ist nur bedingt vorstellbar. Seine Welt ist die der Intellektuellen, nicht die von Otto Normalverbraucher, in der viel existenziellere Probleme herrschen. Ihn in die Welt der Klugen und Kreativen zu begleiten, ist bisweilen amüsant, auf die Dauer aber auch recht ermüdend. Daran ändert auch der journalistische Stilmix aus Porträts, Interviews, Reportagen und Essays wenig. Ein buntes Kaleidoskop von Eindrücken und Einsichten, die so sprunghaft und beliebig sind, das sie nicht im Gedächtnis haften bleiben werden. Was bleibt sind vor allem Parolen und Polemiken, die kurzfristig das Feuilleton, aber nicht die Menschen auf der Straße beschäftigen werden.
Die Frage, was die Deutschen historisch und gegenwärtig, geistig und materiell wirklich miteinander verbindet, wird von beiden viel zu oberflächlich gestellt und beantwortet. Nationalstolz definiert sich trotz seiner kollektiven Natur ganz individuell. Er lässt sich zwar begründen, aber nicht verordnen und auch nur schwer erklären. Die Bücher erinnern daran, worauf man als Deutscher durchaus stolz sein kann. Den Weg zu einem gesunden Patriotismus muss jeder selbst finden. Dass beide Bücher gewollt oder ungewollt zur Kritik am unreflektierten Patriotismus einladen, ist vielleicht ihr größter Verdienst.
FAZIT: Patriotismus zum Anschauen und Aufregen.
Florian Langenscheidt (Hg.) Das Beste an Deutschland. 250 Gründe Deutschland heute zu lieben Verlag Deutsche Standards Editionen. Köln 2006 544 Seiten. 39,80 EURO. ISBN 3-8349-0265-9
Matthias Matussek Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2006 352 Seiten. 18,90 EURO. ISBN 3-10-048922-5