Eigentlich soll Provinzreporter Paul Tomm nur einen Nachruf für einen Nachruf für einen verstorbenen Professor schreiben, doch bald stellt sich heraus, dass der Fall nicht ganz so einfach liegt wie zunächst angenommen. Zum Beispiel hatte der angeblich so harmlose Dozent aus Estland eine geladene Waffe in seinem Büro...
Provinzjournalist Paul Tomm ist in seinen Zwanzigern und weiß eigentlich nicht genau, was er mit seinem Leben anfangen soll. Als ihm eine wirklich heiße Story auf den Tisch flattert, merkt er es erst gar nicht. Jaan Pühapäev, Professor für baltische Geschichte, ist tot, doch was als Recherche für einen simplen Nachruf beginnt, wird bald zur spannenden Schnitzeljagd. Spätestens als der Gerichtsmediziner, der sich noch über den Zustand der Leiche gewundert hatte, bei einem Unfall stirbt, begreift Tomm, dass er an etwas Großem dran ist.
Im Zuge seiner Ermittlungen lernt Paul Jaans Nachbarin Hannah kennen. Obwohl sie ein paar Jahre älter ist als er, verliebt er sich Hals über Kopf in sie. Gemeinsam finden sie Spuren, die bis ins Mittelalter zurückreichen, zu al-Idrisi, einem Universalgelehrten des 12. Jahrhunderts, dem vor langer Zeit zwölf mysteriöse Objekte gestohlen wurden. Doch Paul und Hannah sind nicht die einzigen, die dem Geheimnis auf der Spur sind.
Jon Fasmans Debutroman Die Bibliothek des Alchemisten ist keinem eindeutigen Genre zuzuordnen. Am ehesten kann man ihn wahrscheinlich noch als Thriller bezeichnen, doch die Zeitebenen, die zwischen der Gegenwart des Protagonisten Paul Tomm und verschiedenen Stufen der Vergangenheit hin- und herwechseln, dehnen auch diesen Begriff. Der strenge Wechsel der Perspektiven verleiht dem Roman trotz anfänglicher Verwirrung bald seine Struktur und macht einen beträchtlichen Teil des Lesevergnügens aus, da der Leser hier eingeladen wird, sich nach und nach die Zusammenhänge zusammenzureimen.
Leider hält das Ende nicht ganz, was die Hinführung verspricht, denn die Auflösung ist in ihrer erzählerischen, dialoglastigen Breite fast schon eine Antiklimax zu dem Spannungsaufbau der vorangegangenen fünfhundert Seiten. Hinzu kommt, dass vieles, was nun aufgeklärt wird, durch Paul, den Ich-Erzähler, schon so oft angedeutet wurde, dass die wirkliche Überraschung ausbleibt.
Die eigentliche Stärke des Romans liegt in dem Fingerspitzengefühl des Autors, mit der er der Realität skurrile Seiten abgewinnt. So ist der literarische Besuch des Lone Wolf, der Stammkneipe des toten Professors, beinahe allein schon den Kaufpreis wert. Allerdings nicht ganz, denn zum Ende hin werden die Schwächen in der Konzeption doch recht deutlich. Unterm Strich ist Die Bibliothek des Alchemisten sicher nicht der ganz große Wurf, doch ein interessantes Lesevergnügen für Fans verschachtelter Thriller und Verschwörungstheorien ist er allemal.
Fazit: Atmosphärisch dichter Thriller mit einigen Längen.
Jon Fasman Die Bibliothek des Alchemisten übersetzt von Birgit Moosmüller
Heyne, Februar 2006
543 Seiten, EUR 19,95
ISBN 3453018400