"Ich verbringe eine Menge Zeit in der N. G. vor Poussins "Grablegung" und stakse dann die Treppen hinunter in die bezaubernd helle Kinderwelt des Deutschen Raums mit den Brueghels und den Meistern der müden Augen und silbernen Fenster", schreibt Samuel Beckett Anfang der 1930er Jahre an seinen Freund Thomas MacGreevy, dem späteren Direktor der National Gallery of Ireland ("N. G."). Vor den Gemälden der Meister verliert der Betrachter jedes Zeitgefühl. Bis zu einer Stunde soll Beckett vor einem einzigen Bild verbracht haben. Der leidenschaftliche Museumsbesucher kannte freilich nicht nur die Kunstkathedralen seiner Heimat, sondern lernte auch früh die Museen Europas kennen, und seine Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst war wohl zu jener Zeit am intensivsten – von den späteren Bekanntschaften mit Malern wie Avigdor Arikha abgesehen.
Beckett's 100. Geburtstag: 1906 - 2006
Einige Neuerscheinungen anlässlich des diesjährigen 100. Geburtstags des irischen Nobelpreisträgers, der sich seiner Muttersprache entledigte, um Jahrzehnte lang nur mehr in französischer Sprache zu schreiben, konzentrieren sich auf dessen frühe Jahre, als er in Dublin studierte und lehrte. Der 30-jährige Beckett macht auf einer Reise aber auch Bekanntschaft mit dem Deutschland der Jahre 1936/37, kommt in Hamburg an ("Frightful day again, & I fürchterlich erkältet"), bleibt neun Wochen, in denen er 22 Städte absolviert, und kehrt am 1. April 1937 wieder nach Irland zurück. Bereits zwischen 1928 und 1932 war er nach Kassel gekommen – der Beginn einer nahezu lebenslangen Beziehung zu Deutschland, wo Beckett später für Theater und Fernsehen inszenierte. Die Aufmerksamkeit des jungen Beckett gilt weniger den politischen Wirrnissen der 1930er Jahre – wenngleich die Hackenschläge der Nationalsozialisten nicht unkommentiert bleiben – als vielmehr den Museen, der deutschen bildenden Kunst, ihren Schöpfern und ihrer Geschichte.
Sorgsam notiert der wissbegierige Ire, was ihm da von den Museumswänden entgegenblickt, und trägt sich sogar ins Gästebuch der Gemäldesammlung in der Moritzburg in Halle ein. Beckett nimmt aber nicht nur die Kunst wahr, sondern notiert beiläufig und skizzenhaft auch seine Eindrücke von den Städten und Begegnungen mit Menschen. So heißt es etwa über eine Bekanntschaft beim ersten Abendbrot in Hoppes Pension in Hamburg: "Conversation after meal with one Martion, der Kaufmann lernt u. so ausseht", und weiter: "typical young German sentimental Kaufmann, anständig all the time". Eine Bildungsreise ist das allemal, so wie sie die französischen Adeligen des 18. Jahrhunderts unternommen haben, nicht zuletzt um darüber zu schreiben.
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"German Diaries" - Beckett's Tagebücher
Seine "German Diaries" dürfte Beckett aber später nicht mehr wichtig genommen haben, denn erst nach seinem Tod 1989 entdeckte ein Neffe Becketts im Keller von dessen Pariser Wohnung die frühenAufzeichnungen: rund 500 Seiten, dicht beschrieben und nicht gerade einfach zu entziffern, wenngleich Becketts Handschrift zu diesem Zeitpunkt noch erträglich ist. Dafür ist sein deutsches Tagebuch Gegenstand gleich zweier Publikationen: Die eine, "Becketts Berlin" von Erika Tophoven (Nicolaische Verlagsbuchhandlung), hat sich mit dem Tagebuch auseinandergesetzt und sich auf die Spuren Becketts durch Deutschland begeben, die andere, "Beckett was here. Hamburg im Tagebuch Samuel Becketts von 1936" von Roswitha Quadflieg (Hoffmann und Campe) kommentiert penibel jeden Tag in jenem kühlen deutschen Herbst und Winter und flicht Becketts Originaltext sparsam ein, zu sparsam manchmal, dass der junge Autor oft gänzlich hinter der Kommentarstimme verschwindet. Die jedoch ist unerlässlich, möchte man den historischen und persönlichen Hintergrund der Deutschlandreise verstehen und nachvollziehen. Detail- und kenntnisreich hat Quadflieg Informationen zu Menschen, Orten und Ereignissen zusammengetragen, sodass ihr Buch zu einem bemerkenswert dichten Zeitpanorama gerät, das somit nicht nur Becketts persönliches Erleben, sondern auch die Biographie des Jahres 1936 packend nacherzählt. Der handliche Band ist noch dazu mit einer Menge atmosphärischer Fotos ausgestattet, die einem die Lektüre zum Vergnügen geraten lassen.
Beckett's Berlin
Ein mindestens genauso großes Vergnügen bereitet "Becketts Berlin", das sich im mittleren Bildband-Format präsentiert und im Beckett-Jahr wohl zu den schönsten Titeln zählt.Erika Tophoven, die gemeinsam mit ihrem Mann Elmar über Jahrzehnte Becketts Werke ins Deutsche übersetzte und deswegen gewiss zu den akkuratesten Kennern des Werks zählt, präsentiert nicht das gesamte Tagebuch Becketts, sondern hat das Material thematisch geordnet. "Solange die Tagebücher nicht vollständig transkribiert und kommentiert vorliegen, kann jede Auswahl nur ein vorläufiges Bild vermitteln, und man läuft Gefahr, einzelnen Eintragungen mehr oder auch weniger Bedeutung beizumessen, als ihnen zukommt", gibt die Autorin zu bedenken. Auf eine solche Ausgabe darf man also gespannt sein. Für ihren Band hat Tophoven den Inhalt des deutschen Tagebuchs in acht Kapitel arrangiert, schildert die Ankunft in Berlin samt Stadtrundgängen, die Museumsbesuche in der Reichshauptstadt, Weihnachtszeit und Jahreswechsel 1936/37, Abendprogramme, Lektüren und Begegnungen, Architektur, einen Ausflug nach Potsdam und schließlich den Abfahrt von Berlin.
Auch Tophoven hat profund recherchiert und präsentiert das Tagebuch im historischen Kontext. Bemerkenswert sind vor allem die Bilder in diesem Band: Zum einen zeigen zahlreiche zeitgenössische Fotografien, wie es an den Straßenecken, Plätzen und Pensionen ausgesehen hat, zum anderen enthält der Band eine Auswahl jener Gemälde, die Beckett während seines Berlin-Aufenthalts im Kaiser-Friedrich-Museum, im Deutschen Museum, in der Nationalgalerie und im Kronprinzenpalais gesehen und beschrieben hat.
"Warten auf Godot"
Weil Beckett die Öffentlichkeit mied, sich gegenüber Ausfragern verschloss und selbst seinen Schauspielern keine Deutungen servieren mochte, geraten Einblicke in sein Privates oder Halbprivates und Künstlerisches zu einer Beschäftigung, bei der man länger als sonst verweilt. Die Ausgabe von "Warten auf Godot" (Suhrkamp Verlag), Becketts Regiebuch zu der von ihm inszenierten Aufführung seinesberühmtesten Stückes im Berliner Schiller-Theater 1975, ist so ein Fall. Der gedruckte Text ist mit einer Reihe von (deutschsprachigen) Korrekturen und Varianten versehen. Aus Wladimirs "Angstträumen" werden "private Alpträume", aus dem "Bettler" wird ein "Bittsteller", der "Geschmack" gerät zum "Dreck". Und wenn Becketts deutsches Vokabular nicht ausreichte, machte er sich Notizen auf Französisch. Immer jedoch geht es um ein Herantasten an eine zwar nicht neue, aber variierte, genauere Bedeutung. Hie und da hat der Autor und Regisseur Zahlengruppen an den Seitenrand notiert. Keine Zufallsprodukte, sondern bei Becketts Verständnis seiner Texte als reine Spielvorlagen vielleicht Schrittfolgen oder Regiehilfen. Die Anmerkungen und Vorschläge geben zwar einen Einblick in Becketts Deutschkenntnisse, letztlich in seine eigene Interpretation des Stückes, lassen aber seine Inszenierung, seine Arbeit mit den Schauspielern bestenfalls erahnen. So wertvoll und reizvoll diese Ausgabe sein mag, ihr fehlt eindeutig eine editorische Autorität, die diese Eingriffe kommentiert und erklärt und – noch wichtiger – die Bedeutung dieser Inszenierung in der Aufführungsgeschichte von "Warten auf Godot" analysiert.
Andererseits erscheint gerade diese Art der Präsentation konsequent, zumal sie den Leser mit dem Text und Becketts Arbeitsspuren alleine lässt. Kein erklärendes Beiwerk also, nichts, was das vieldeutige Stück auf eine Inszenierung einschränkt, dafür einmal mehr seine Offenheit demonstriert. Und noch etwas wird bei der Lektüre offenkundig, nämlich Becketts Bemühen, sein 1953 uraufgeführtes Stück weiter zu entwickeln, die Altlasten vergangener Inszenierungen los zu werden, den Text weiter zu präzisieren. Insofern präsentiert er sein Werk als eines, das keinen Abschluss findet und macht deutlich, dass mit jeder Inszenierung, vielleicht sogar mit jeder Aufführung, die Grenzen des Assoziations- und Interpretationsraums weiter zu setzen sind.
Annäherungen an Beckett: Biographien
Neue Deutungen des Werks werden in Zukunft Literaturwissenschaft, Leser und Theaterbesucher weiter beschäftigen, Neudeutungen seines Lebens wahrscheinlich weniger. Dies vor allem deshalb, weil James Knowlsons 1996 erschienene umfangreiche Biographie "Damned to Fame" (in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Samuel Beckett. Eine Biographie erschienen") wohl zur Standardlektüre geraten ist. Knowlson war mit Beckett befreundet und konnte auf diese Weise Informationen aus erster Hand einholen. Bis zu Knowlsons Veröffentlichung blieb Deirdre Bairs 1978 publizierte Biographie (in deutscher Übersetzung 1991 im Verlag Kellner erschienen, mittlerweile nicht mehr lieferbar), die einzige umfangreiche Darstellung von Becketts Leben, die als Grundlage ebenfalls eine Reihe von Interviews und Begegnungen mit dem sonst nicht sehr auskunftsfreudigen Autor verwendete. Alle weiteren biographischen Versuche werden sich nur schwer aus dem Nimbus des Beiwerks lösen können. Das mag ein Grund gewesen sein, im Beckett-Jubiläumsjahr lieber Kompaktes zu präsentieren. Ambitioniert ist Andreas P. Pittlers Biographie, die als Originalausgabe bei dtv erschienen ist.
Auch Gaby Hartel und Carola Veit geben in ihrer bei Suhrkamp erschienenen "BasisBiographie" einen profunden Einblick in Leben und Werk des irisch-französischen Autors. Beide Titel bieten rasche Information und, nicht zu unterschätzen, sind um wenig Geld zu haben. Einen unerwartetüberraschenden und vielschichtigen Einblick in Becketts Biographie bietet hingegen "Beckett Erinnerung" (Suhrkamp), herausgegeben vom Beckett-Biographen James Knowlson (mit Elizabeth Knowlson). Es zeichnet Becketts Leben in neuen Kapiteln nach und lässt dabei nicht nur Beckett selbst, sondern auch Bekannte und Weggefährten aus den jeweiligen Lebensabschnitten zu Wort kommen. Auf diese Weise entsteht ein vielstimmiger Bericht, der sich in erfrischender Weise von den üblichen biographischen Erzählungen abhebt, weil er ein großes Maß an Authentizität und eine Fülle von Details vermittelt, etwa über Becketts unglückliche und kurze Zeit als Dozent am Trinity College, als er eines Tages mit der Stirn am Kaminsims lehnte und sein Talar plötzlich Feuer fing, oder ausführlich auch über seine späten Lebensjahre. Aber das alles sind Anekdoten, die vor den künstlerischen Leistungen zurücktreten: Die Uraufführung von "Warten auf Godot" 1953 in Paris wird aus der Sicht eines Mitwirkenden, des heute 84-jährigen Schauspielers Jean Martin (er spielte den Lucky) dargestellt, und natürlich kommen auch Beckett-Forscher und Biographen zu Wort, die über persönliche Begegnungen und die Arbeit mit Beckett berichten.
Nicht zuletzt wird einmal mehr offenbar, wie viel von Becketts Leben in die Kargheit seines Werks eingeflossen ist, wie sehr sein Leben der trostlos-heiteren Existenz seiner Figuren gleicht und wie früh bereits die Grundbedingungen seines Werks vorhanden sind. So erinnert sich etwa eine von Becketts Studentinnen an dessen Vorlesungen: "Zwar habe ich vergessen, über welche Autoren er sprach, aber ich weiß noch, wie sehr mich seine Ideen fasziniert haben, vor allem die der 'erstarrten Bewegung' (motion in a stasis) – für mich das zentrale Thema seiner Stücke – ganz wie in alten Mysterienspielen und dem griechischen Drama: Den Menschen in allen Bereichen wird ein warnender Spiegel vorgehalten. Für so viele ist das Leben kaum mehr als tödliche Erstarrung mit einem Minimum an Bewegung."