"Ein Kind wird nicht so sehr geboren, es erscheint einem. Es wird einem buchstäblich offenbart. […] Auf einmal wusste ich, was ich hier sollte, ich hatte etwas Kleines und Liebes am Leben zu erhalten". Ein Gefühl, das wahrscheinlich jeden Mann überkommt, wenn er sein neugeborenes Kind zum ersten Mal in den Armen hält. Das ganze Leben verändert sich, erhält einen neuen Sinn und neue Aufgaben ergeben sich. Doch was geschieht, wenn einem dieses neue Leben direkt wieder aus den Händen gerissen wird?
Genau diese Erfahrung musste der Autor P.F. Thomése am eigenen Leib erleben. "Schattenkind" ist Thoméses Art mit diesem schrecklichen Verlust klarzukommen, ihn akzeptieren zu lernen und trotz allem weiterzuleben. Aus der Sicht eines Vaters, der den Tod des eigenen Kindes miterleben musste, schildert er in einer ruhigen und nüchternen Sprache die Gedanken und Gefühle, die mit einem solchen Schicksalsschlag einhergehen. Verständnislosigkeit und Fassungslosigkeit bestimmen zunächst Handeln und Denken des Ehepaares. Auch den Kondolenzanrufen weichen sie aus: "Uns fehlen vorerst die Worte, um uns zu verteidigen, wir wissen vorerst nicht wer wir sind, wer wir sein werden." So mischt sich zu dem Schock gleichzeitig auch die Ungewissheit vor der eigenen Zukunft, alles was durch die Geburt des Kindes vorgezeichnet und geplant war, erscheint plötzlich nichtig und sinnlos. Doch mit der Zeit lernen sie, mit ihrer Trauer umzugehen, erkennen, dass ihr Kind immer noch da ist, nur eben da, wo das Licht (und damit das Auge) nicht mehr hinreicht. Das Kind wird zum Schattenkind, das zumindest für seine Eltern, immer in irgendeiner Art und Weise anwesend sein wird.
Obwohl Thomése thematisch ein sehr intimes und sentimentales Erlebnis beschreibt, gelingt es ihm durch seine nüchterne Sprache nicht zu sehr ins sentimentale abzudriften. Der Schmerz über den großen Verlust ist in jedem einzelnen Wort deutlich zu spüren. Und obwohl, oder gerade weil er seinen Erzähler auch häufig über vermeintliche Nebensächlichkeiten nachdenken lässt, ist durchweg zu spüren, mit welcher Gewalt der Tod in das Leben hineinbricht.
Fazit: "Schattenkind" ist mit Sicherheit kein Buch, das man mal eben in einem durchlesen kann. Es regt zum Nachdenken und Mitfühlen an und verkörpert sehr realistisch und nachfühlbar den Schmerz über einen großen Verlust und den Versuch eines Mannes dies zu verarbeiten.
P.F. Thomése Schattenkind übersetzt von Andreas Ecke
Berliner Taschenbuch Verlag, Februar 2006
106 Seiten, EUR 7,50
ISBN 3833303433