"„… Zar Alexander war nämlich so dankbar, dass er meiner Großmutter eine ganze Schatulle mit Onyx- und Brillantschmuck schenkte. Große Stücke, die man wirklich als "Familienjuwelen" bezeichnen kann. Das Wort – Juwelen – mag ich zwar nicht besonders, wegen der ersten Silbe."
Hannelore Hoger liest nicht "Großmama packt aus", sondern sie IST Oma Elisabeth Rother, die Ich-Erzählerin in Irene Disches Roman. Sie kann ihre Herkunft, dem so genannten rheinischen Hochadel, nicht verleugnen. Hochherrschaftlich wächst sie auf, behütet im Schoss der Familie, umhegt von zahlreichen dienstbaren Geistern, die katholische Kirche Stütze und zweite Heimat. Doch dann der Eklat: während des Ersten Weltkrieges leistet Elisabeth ihren vaterländischen Dienst im heimatlichen Lazarett. Während einer Beinamputation assistiert sie Carl. Und als dieser das amputierte Glied fein säuberlich neben den Patienten und seine Gesichtsmaske abgelegt hat, bemerkt dieser Irene zum ersten Mal. Er wirbt hartnäckig um sie und sie gibt seinem Drängen schließlich nach. Doch als sie ihrer Familie die frohe Kunde überbringt, schlägt ihr eisiges Schweigen entgegen – denn Carl ist Jude. Doch obwohl er zum katholischen Glauben konvertiert, bleibt diese Ehe eine Schmach in den Augen der Familie.
Jeder, der schon einmal das Vergnügen hatte, einem Kränzchen betagter Damen im ortsansässigen stilvollen Café, freiwillig oder unfreiwillig, zu lauschen, wird mühelos sowohl den Erzähl- als auch den Sprachduktus wieder erkennen. Man lässt das Leben Revue passieren, widerspricht sich in Details, pflichtet bei oder weist weit von sich und dies alles im festen Brustton der Überzeugung. Die abwesenden Männer, Kinder, Schwiegertöchter kommen nur in den seltensten Fällen gut weg und im Gegensatz zum landläufigen Bild ist auch nichts von Prüderie zu spüren.
Reduzieren sie nun dieses Kränzchen auf eine monologisierende Matriarchin, die neben ihrer Meinung keine andere zulässt, und sie können sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, was sie erwartet. Genug erlebt für drei hat ja nun Oma auch. Antisemitismus und Judenverfolgung – Flucht ins Exil – Integration in der Fremde. Geschichte reiht sich an Geschichte, wird kommentiert und beurteilt oder mit einem "aber davon später" vertagt. Hinter dem Offensichtlichen versteckt sind zahllose ironische Seitenhiebe, der typisch rheinländisch-trockene Mutterwitz, die respektlose Sicht auf Tabu-Themen und generell der Trend zu politisch-unkorrekten Darstellungen. So spricht Großmama von der afroamerikanischen Bevölkerung als Darkies und bemängelt, dass die Gegend, in welcher ihre Tochter lebt, jüdisch sei. Im Brustton der rechten Überzeugung verurteilt sie sie dafür, dass sie nach dem katholischen Religionsunterricht der Enkelin erstmal, sozusagen als Ausgleich, beim Metzger im Viertel koschere Hotdogs essen geht.
Mühelos bringt Hannelore Hoger dem Hörer all diese Facetten zu Gehör. Mal säuselt sie wie ein Täubchen oder unschuldig wie ein Lämmlein nur um im nächsten Augenblick in Entrüstung und Ärger umzuschlagen. Dann wieder abschätzig-abfällig oder gewollt-ungewollt witzig und ironisch. Keine Nuance des Textes ist der Sprecherin verborgen geblieben und man merkt ihr förmlich die Freude an, dem Hörer all dies zu Gehör zu bringen und den ohnehin schon extrem unterhaltsamen Text als Hörbuch noch einen Tick amüsanter, rasanter, intensiver und kurzweiliger zu machen.
Irene Dische Großmama packt aus Gelesen von Hannelore Hoger
Hoffmann & Campe, April 2006
8 CDs, EUR 17,90
ISBN 3455304591