"Aber er ist unschuldig" brüllt Etzel seinen Vater, Oberstaatsanwalt Baron von Andergast, an. "Die Unschuld steht nicht mehr zu Debatte" antwortet ihm in ruhigem Ton sein Vater.Fassungslos, begraben von den Trümmern seiner feurigen Rede, steht Etzel im Arbeitszimmer. Sein Vater und damit die gültige Rechts- und Gesellschaftsordnung haben gewonnen. Maurizius ist begnadigt. Ein Wiederaufnahmeverfahren in den Augen seines Vaters nur "Laiengeschwätz". Seine ganzen Entbehrungen und Strapazen umsonst. Ihm bleibt nur eine Wahl; sich von seinem Vater zu distanzieren und zu seiner seit 10 Jahren verbannten Mutter zu fliehen. Doch auch den Vater rettet die gespielte Selbstsicherheit nicht mehr vor dem Verfall; er geht an seinem zusammengebrochenen Weltbild zugrunde.
So fatalistisch endet Jakob Wassermanns im Jahre 1928 veröffentlichter Roman "Der Fall Maurizius", dessen Geschichte auf einem tatsächlichen Kriminalfall aus dem Jahre 1906 beruht. Wassermann benutzt diese Vorlage jedoch nicht, um hieraus einen klassischen Kriminalroman zu stricken, sondern dramatisiert vorrangig den ungleichen Kampf zwischen dem von Gerechtigkeit besessenen Etzel und seinem Vaters. Etzel wuchs nach der Scheidung seiner Eltern beim Vater auf. Die Mutter wurde verbannt, jeder Kontakt verboten ja nicht einmal ihr Name durfte in Gegenwart des Vaters genannt werden. In völliger Verkennung der Realitäten hält sich der Vater "für den Freund seines Sohnes" und glaubt in ihm einen Verbündeten und Nachfolger gefunden zu haben. Etzel hingegen verabscheut seinen Vater für das, was er seiner Mutter und ihm angetan hat. Diese Abscheu kanalisiert sich, als der 16-jährige Etzel erfährt, dass sein Vater maßgeblich an der umstrittenen Verurteilung von Maurizius beteiligt war.
Obsession und Wahn
Etzel fährt heimlich nach Berlin, um den damaligen Kronzeugen Waremme aufzuspüren. Von ihm erhofft er, die "Wahrheit" zu erfahren. Auch sein Vater beginnt, am damaligen Urteil zu zweifeln. Um sich selbst zu beruhigen fährt er ins Zuchthaus und besucht Maurizius. In langen Gesprächen erfährt er jetzt zum ersten Mal von den Verstrickungen, Obsessionen und Abhängigkeiten zwischen Maurizius, seiner 15 Jahre älteren Frau Elli, deren jüngerer Schwester Anna Jahn und dem späteren Kronzeugen Waremme.
Doch dies ist nur ein Aspekt in Wassermanns Roman. Neben den unterschiedlichen Auffassungen von Vater und Sohn klagt er die Unmenschlichkeit der Strafgerichtsbarkeit an. Die damaligen Zustände in den Zuchthäusern waren unhaltbar. Die Gefangenen erhielten von Ungeziefer verseuchtes Fleisch und drakonische Strafen bei kleinsten Vergehen. Während der gemeinschaftlichen Arbeiten mussten "Gesichtsmasken" getragen werden, die eine Unterhaltung unmöglich machten. Einzel- und Isolierhaft waren an der Tagesordnung. Entzug von Zeitung und/oder Büchern fast obligatorisch, um den Willen eines Delinquenten zu brechen.
Auch hinterfragt Wassermann die Definition von Recht und Unrecht, Schuld und Sühne. Wo endet Unschuld und beginnt Mitschuld? Muss nach dieser neuen Definition nicht auch Baron von Andergast vor Gericht? Ist nicht er schuld am Selbstmord des Geliebten seiner Frau? Oder unnötig grausam, weil er seinem Sohn die Mutter "weggenommen" hat?
Legendäre Hörspielproduktion
Gert Westphal war nicht nur ein begnadeter Sprecher sondern auch ein genialer Regisseur von Hörspielproduktionen, wie auch wieder mit dieser Produktion unter Beweis gestellt wird.
Neben der perfekten Dramaturgie besticht dieses Hörspiel durch die Auswahl der Sprecher, unter denen sich so bekannte Darsteller wie Wilhelm Borchert ("Hunde wollt ihr ewig leben") oder Siegfried Wischnewski (Tierarzt Dr. Bayer in "Ein Heim für Tiere") befinden. Die Musik, Ton- und Soundeffekte setzen sich perfekt zu einer Partitur zusammen und verstärken an geeigneter Stelle die intertextuellen Bezüge in Wassermanns Roman. Die Gesamtheit dieser verschiedenen Komponenten führt dazu, dass dieses Hörspiel bis heute zu nichts von seiner bedrückenden Aktualität als Appell an die Menschlichkeit verloren hat.
Fazit: homogene Hörbuchfassung einer Anklage und zugleich Appell an die Menschlichkeit Justitias. Die Beweisführung rauscht am Ohr des Hörers vorbei und es bleibt ihm überlassen, ein Urteil darüber zu fällen, wie ein humanitäres Rechtssystem Verbrechen und Strafe in ausgewogener Form gewichten muss.
Jakob Wassermann Der Fall Maurizius Langen Müller Hörbuchverlag, Mai 2003
4 CDs, EUR 19,90
ISBN 3784440320