Ein Historiker, der das Konzentrationslager Buchenwald erforscht, an einer chronischen Gelenkentzündung leidet und an seinem akademischen Können zweifelt. Was kann an einer solchen Person interessant sein? Sehr viel, wenn dessen historisches Wissen zur Aufklärung eines Serienmordes in der Gegenwart beitragen kann. Dr. Josef Maria Stachelmann heißt dieser NS-Experte, der in den Akten des Dritten Reiches schnüffelt und den Ermittlungen der Polizei immer ein Schritt voraus ist.
Doch Stachelmann schlittert rein zufällig in Fall hinein. Kriminalkommissar Ossi Winter soll den Mord an den Kindern und der Ehefrau des scheinbar unbescholten Hamburger Immobilienmaklers Maximilian Holler aufklären. Er bittet seinen ehemaligen Studienkollegen Stachelmann um Rat. Denn spätestens nach dem Mord an einer Kollegin von Winter führen die Spuren in die dunkelsten Regionen der deutschen Geschichte: das Dritte Reich.
Kein "Mann ohne Makel"
Holler scheint nämlich durchaus kein "Mann ohne Makel" zu sein. Das von seinem Vater ererbte Vermögen und das von auf den Filius überschriebene Geschäft scheint keineswegs auf rechtmäßigem Wege erworben zu sein. Und dafür gibt es Beweise und eine ganze Reihe von Personen, die Holler decken, andere die sich an ihm rächen wollen.
Wer diese Leute sein könnten, davon bekommt Stachelmann auf seiner Archivreise nach Berlin schon bald eine Ahnung. Denn jeder von ihnen versucht so gut es die Spuren der Vergangenheit zu verwischen: durch weitere Morde und die Vernichtung von belastendem Material. Nur Stachelmanns Mut, Neugier und sensibler Spürnase ist es am Ende zu verdanken, dass die Täter gefasst und keine weiteren Opfer zu beklagen sind. An die Verbrechen der Vergangenheit kann er jedoch nur noch erinnern. Aber dafür ist er ja Historiker. Ein glaubwürdiger überdies.
Aufprall von Gegenwart und Geschichte
Christian von Ditfurth hat mit Stachelmann einen Charakter geschaffen, den es in der deutschen Krimilandschaft kein zweites Mal gibt. Nicht nur seine Profession als Historiker unterscheidet ihn von vielen anderen Detektiven, sondern auch die Art und Weise, wie er sein Leben, seine Arbeit und das Verbrechen betrachtet. Der weder beruflich noch privat sonderlich selbstbewusste Akademiker vollbringt Höchstleistungen, wenn Gegenwart und Geschichte auf ganz lebensnah aufeinander prallen. Dann weiß er, was zu tun ist.
Neugier statt Besserwisserei
Und der Schriftsteller und Journalist Ditfurth ist so klug, den historischen Hintergrund des Falls nicht zu grell und nicht zu schwach auszuleuchten, sondern ihn langsam und klar konturiert zum Vorschein kommen zu lassen. Mit Hilfe von Stachelmann, der niemals als Besserwisser, sondern immer als Neugieriger auftritt. Und diese Neugier steckt an.
Erst recht, wenn der Schauspieler Michael Evers in die Rolle des Geisteswissenschaftlers schlüpft und mit erdigem Tonfall und desillusionierter Geste über den Stand seiner Nachforschungen und seines Gesundheitszustandes grübelt. Aber auch die anderen - in der Schauspieler- und Sprecherszene nicht weniger bekannten Protagonisten (Otto Sander, Nina Hoger, Joachim Bliese und, und, und...) - wissen durch perfekte darstellerische Leistung zu glänzen.
Ein Hörspiel, das ebenso kurzweilig wie spannungsreich eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte aufschlägt und der Komplexität des Themas gerecht wird.
Fazit: Ein makelloses Krimi-Hörspiel.
Christian von Ditfurth
Mann ohne Makel Kriminalhörspiel mit Joachim Bliese, Michael Evers u.a.
Der Audio Verlag (Berlin), Mai 2006
2 CDs, EUR 19,95
ISBN 3898135233