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Schreiben lernen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans Peter Roentgen, am 12-07-2006 08:00
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Schreiben lernenCreative Writing in Europa 

Anläßlich des zehnjährigen Bestehens des deutschen Literaturinstituts Leipzig fand in Leipzig der erste europäische Kongress für literarisches Schreiben statt, versammelten sich Vertreter der verschiedensten Institute, die Schreiben lehren. Daraus entstand dieser Sammelband mit 19 Beiträgen zwischen fünf und fünfzehn Seiten.

Natürlich kann niemand auf so kleinem Raum erschöpfend Auskunft über einen Studiengang geben, der in fast allen beteiligten Ländern erst seit wenigen Jahren existiert. So können die Texte nur Schlaglichter auf eng begrenzte Themen werfen. Nirav Christoph, Professor an der Kunsthochschule in Utrecht, wirft in seinem lesenswerten Artikel einen Blick darauf, wie gängige Schreibmythen - „Du sollst originell sein und nicht kopieren“, „Deine Worte sollen immer bedeutsam sein“, etc. – das Schreiben hemmen können und keineswegs bessere, sondern oft nur langweiligere oder gar keine Texte produzieren. Außerdem schildert er an vielen Beispielen, dass Schreiben keineswegs linear verläuft. Beides wird gerne vergessen, obwohl es ein ganz zentrales Problem des Schreibunterrichts ist.

Olaf Kutzmutz von der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel zeigt an Beispielen, dass es durchaus nützlich sein kann, Lernende einmal einem engem Regelkorsett zu unterwerfen, um ihr Schreiben weiter zu entwickeln.

Stephan Porombka von der Universität Hildesheim zeigt am Beispiel eines Romans von Rilke, dass die klassische Literaturwissenschaft und – kritik Texte ganz anders betrachtet, als jemand, der Schreiben lernen oder lehren will. Die ersteren zerlegen den Text (Destruktion der Texte), die letzteren müssen genau das Gegenteil tun: Wie ist dieser Text aufgebaut worden (Konstruktion der Texte).

Burkhard Spinnen setzt sich damit auseinander, was eigentlich die Aufgabe der Literatur sein kann und dass diese Frage mittlerweile oft ausgeblendet wird.

Hanns – Josef Ortheil, ebenfalls Hildesheim, untersucht die Poetiken des Aristoteles und des Horaz, die bereits in der Antike zwei verschiedene Modelle anboten, Schreiben zu lehren und zu untersuchen. Immer noch bedienen sich zahlreiche Schreibratgeber bei diesen Vorläufern des creative writing.

Die anderen Beiträge sind entweder sehr speziell auf ein Land zugeschnitten oder allzu allgemein und wollen einmal mehr der Frage nachgehen, ob man Schreiben lehren kann. Eine merkwürdige Fragestellung, wenn man bedenkt, dass alle Teilnehmer das seit Jahren tun. Und immer wieder wird betont, dass niemand eine Garantie geben kann, dass ein Schüler tatsächlich gute Literatur produzieren wird. Sicherlich richtig, aber das gilt für sämtliche Studiengänge. Ein erfolgreicher Abschluss in Maschinenbau garantiert auch nicht, dass der Absolvent gute Autos bauen kann, oder auch nur, dass er Autos konstruiert, die sich gut verkaufen. Und ein BWL Diplom ist keine Garantie für erfolgreiche schwarze Zahlen, die Zeitungen berichten täglich von Betriebswirten, die Firmen erfolgreich in den Konkurs geführt haben.

Da merkt man, dass creativ writing in Europa wirklich jung ist, alles ist neu, unsicher und was in anderen Fächern und Ausbildungen längst allgemein bekannt und akzeptiert ist, muss hier offenbar immer wieder diskutiert werden. Solche Grundsatzdiskussionen drehen sich natürlich immer ein wenig im Kreis und deshalb sind viele Artikel in dem Band wohl nur für Spezialisten interessant. Immerhin gibt es keine Artikel, die derart schlecht sind, wie einige in „Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller“.

Fazit: ein Sammelband mit unterschiedlichsten Stimmen aus Universitäten und Akademien in Europa, interessant vor allem für den, der selbst Schreiben lehrt.

Homepage des deutschen Literaturinstituts Leipzig: http://www.uni-leipzig.de/~dll/

Über das deutsche Literaturinstitut: Anders als in der Bundesrepublik wurde in der DDR Schreiben gelehrt und gelernt. Dazu gab es in Leipzig das Johannes R. Becher Institut. Natürlich sollte es vor allem systemkonforme Schriftsteller heranziehen, doch während zahlreiche bekannte Autoren mit Erfolg studierten, haperte es mit der „Linientreue“ oft. 1990, kurz nach der Wende, löste die Landesregierung in Sachsen das Institut auf.

Aber zahlreiche Proteste von Schriftstellern und Künstlern führten dazu, dass 1995 daraus das Deutsche Literaturinstitut Leipzig entstand. Hans-Ulrich Treichel und Josef Haslinger sind seine Leiter.

Josef Haslinger, Hans-Ulrich Treichel (Herausgeber)
Schreiben Lernen
Sachbuch
Fischer, Februar 2006
TB, 232 Seiten, Euro 11,95
ISBN 3596169674

 

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Letztes Update: 06-10-2006 17:03

Veröffentlicht in : Buch, Ratgeber
Schlüsselworte : Josef Haslinger, Literaturinstitut Leipzig, Schreibratgeber, Schreiben lernen, literarisches Schreiben, creative writing, kreativ
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