Die 900-tägige Blockade Leningrads: Aufzeichnungen eines Blockademenschen
Von Ende 1941 bis zum Frühjahr 1944 dauerte die Blockade Leningrads durch die deutschen Truppen während des Zweiten Weltkrieges an. Hitler hatte die Stadt dem Erdboden gleich machen wollen. Es gab Pläne, die das Gebiet nach Kriegsende zeigten: auf diesen Plänen gab es kein Leningrad mehr. Hitler nahm den Tod aller Bewohner der Stadt in Kauf und hatte von vornherein bestimmt, dass eine Kapitulation nicht angenommen werden würde. Lidia Ginsburgs „Aufzeichnungen eines Blockademenschen“ zeugen von diesen Leben vernichtenden 900 Tage.
Lidia Ginsburgs Held ist namen- und gesichtslos: er heißt lediglich N. N’s Schicksal ist einerseits individuell, doch steht es symbolisch für das Schicksal mehrerer Millionen Menschen. N’s Leben ist reduziert auf die einfachsten, man könnte auch sagen banalsten Dinge. Doch sind diese Dinge nur so lange banal, wie sie ihren eigentlichen Wert verloren haben. In dem Moment, in dem sie über Sein oder Nicht-Sein entscheiden, sind sie nicht mehr banal. Sie gewinnen nicht nur an Wert – sie machen den eigentlichen Wert des Lebens aus. Nur Menschen, die extreme, die eigene Existenz bedrohende Situationen er- und überlebt haben, wissen jeden Atemzug, jedes Krümchen Brot und jeden Sonnenstrahl zu schätzen.
N lebt in Leningrad zu einer Zeit, da die Existenz von Millionen von Menschen bedroht war. Hunger ist das Hauptthema der Aufzeichnungen: Hunger zu jeder Tageszeit, zu jeder Stunde, zu jeder Minute. Die Existenz eines jeden Einzelnen hängt davon ab, ob er die Kraft aufbringen kann, in den langen Warteschlangen auszuharren und die ihm zugeteilte Ration Brot zu ergattern.
Nach dem Hunger kommt der Tod: der Tod auf der Straße, der Tod in den Wohnungen, der Tod an unbekanntem Ort. Die Menschen starben und oftmals lagen ihre leblosen Körper noch lange an der Stelle, an der die Seele den Menschen verlassen hatte. Denn die anderen Menschen hatten oftmals nicht mal mehr die Kraft, die Toten zu den Friedhöfen zu bringen.
Hunger und Tod prägen sich in’s Bewusstsein der Menschen und lassen sie die Wirklichkeit surreal erfahren. Die Stadt ist nicht mehr die Stadt, die Menschen sind nicht mehr die Menschen. Die Häuser klagen mit ihren riesigen, von Bomben zerfetzten Löchern an und geben Leningrad das Aussehen einer Theaterkulisse. Das Aussehen der Menschen ändert sich durch den Hunger und die Unterernährung sosehr, dass sie sich in den Spiegeln nicht mehr wiedererkennen. Der Mensch ist er selbst, und er ist es auch wieder nicht. Ebenso ergeht es N – symbolisch für alle anderen Leidenden. Er schläft in seiner Kleidung, die aus mehreren Schichten besteht. Das tut er nicht nur wegen der Kälte, sondern vor allem aus dem Grund, da er eine Begegnung mit seinem Körper scheut.
Der Kreis wird zum Blockadesymbol – er steht für das in sich selbst geschlossene Bewusstsein. Denn die Blockademenschen laufen im Kreis: aufstehen, nicht an den Hunger denken, 150 Gramm Brot auf den ganzen Tag verteilen, zum Frühstück 50 Gramm, raus gehen, in der Schlange nach der neuen Essensration anstehen, eventuell arbeiten, mit der Straßenbahn fahren, zum Mittag 50 Gramm Brot mit einer wässrigen Suppe, wieder nicht an den Hunger denken, zum Abendbrot 50 Gramm, schlafen, nicht an den Hunger denken.
Fazit: Eine realistische Zeitdokumentation über 900 Tage Leningrader Blockade und das Leid der Leningrader Bevölkerung von 1941 bis 1944.
Lidia Ginsburg Aufzeichnungen eines Blockademenschen aus dem Russischen übersetzt von Gerhard Hacker
Surhkamp, April 1997
153 Seiten, EUR 8,50
ISBN 351811672X