Nürnberg Anno 1492 - Der Junge Severin kennt nur ein Ziel: Er will die Zeit zähmen und Ordnung in das Chaos seines Lebens bringen. Nach dem grausamen Tod seiner Eltern, folgt er der alten Bettlerin Barb nach Nürnberg, doch er erkennt bald, dass die Verwirklichung seines vagen Traums für einen mittellosen Jungen wie ihn fast unerreichbar ist.
Severin ist ein Träumer, Zeit ist für ihn eine gegenstandslose Größe ohne Bedeutung für sein Leben. Als seine ganze Familie in einer der zahlreichen Fehden zwischen der Reichsstadt Nürnberg und den Raubrittern der Umgebung ausgelöscht wird, wird der Wunsch, Ordnung in das Chaos zu bringen, übermächtig. Da niemand für den Jungen Verwendung hat, folgt er der Bettlerin Barb nach Nürnberg, wo er sich zusammen mit ihr und ihrer Ziehtochter Ottilie mehr schlecht als recht durchschlägt.
Erst als es ihm gelingt, im Hause des Messermeisters Herman Henlein eine Anstellung als Knecht zu bekommen, kommt er seinem Ziel einen Schritt näher. Hier erlernt er das Schmiedehandwerk und ist hautnah dabei, als Hermann und sein Bruder Peter an der Entwicklung der ersten Taschenuhr zu arbeiten beginnen. Doch Severin bleibt von Rückschlägen nicht verschont – einer davon ist die unmögliche Liebe zu der Ehefrau seines Herrn, der andere, schlimmere, die Wahrheit über seine eigene Herkunft.
Maren Winters historischer Roman um die Familie, der die Erfindung der ersten deutschen Taschenuhr zugeschrieben wird, beginnt ungewöhnlich. Die Schilderungen entbehren von Anfang an jeglicher Schönfärberei, mit der Autoren so gerne ein idealisiertes Bild des Mittelalters und der Renaissance zeichnen. Weniger exotisch als vielmehr schmutzig erscheint die Welt, in die der durchschnittliche Träumer Severin hineingestoßen wird.
Ähnliches lässt sich auch über die Charaktere sagen, die allesamt sehr lebensecht und authentisch erscheinen. Zwar bedient sich die Autoren einer Sprache, die mit altertümlichen Ausdrücken angereichert ist – so wird von Peter Henlein als Ehewirt gesprochen, nicht als Ehemann – doch das Ergebnis ist in sich stimmig und wirkt nie gestelzt. Dazu sind die Schilderungen von Gewalt und Elend zu drastisch, die Figuren zu vielschichtig. Vor allem der zwiespältige Charakter des Messerers Hermann und seine Beinahe-Liebesgeschichte zu der Bettlerin Ottilie zieht in einen Bann von Abscheu und Faszination, der den gesamten Roman durchzieht.
Doch nicht nur für Freunde durchdachter Plots werden an Der Stundensammler ihre Freude haben, auch Historienliebhaber kommen nicht zu kurz, denn Maren Winter gelingt eine unaufdringliche Geschichtsstudie. Sie hält sich – bis auf die Figur Severins – ungewöhnlich dicht an die historischen Fakten und belegt diese überdies in einem kurzen, übersichtlichen Anhang. Bei all den positiven Aspekten kann man getrost darüber hinwegsehen, dass der Schluss dann doch ein wenig zerfasert und der Roman mit einem winzigen Ausflug in den Kitsch endet. Die vorangegangenen 470 Seiten überzeugen dafür umso mehr.
Fazit: Ungeschönter Einblick in den Alltag der kleinen Leute in der Renaissance.
Maren Winter Der Stundensammler Heyne, Februar 2006
493 Seiten, EUR 8,95
ISBN 3453401468