Francis Petrel versteht die Welt nicht mehr. In der einen Minute noch im Kreis der lieben Verwandten, findet er sich kurze Zeit später in einer Isolierzelle gefangen. Seine Muskeln sind wegen der Zwangsjacke völlig verspannt und er hat das Gefühl, dass seine Blase gleich platzt. Dabei war es doch ein Abend wie jeder andere. Nun gut, das er mit dem riesigen Tranchiermesser seine Mutter bedroht hat, war vielleicht etwas misslungen. Aber er wollte seiner Familie doch nichts tun! Diese Stimmen in seinem Kopf waren schuld!
John Katzenbachs neuester Roman „Die Anstalt“ spielt sich auf zwei Handlungsebenen ab. Zum einen erzählt Francis in der Ich-Form von seinem heutigen Leben und setzt seine Handlungen in Relation zu Ereignissen, die sich vor 20 Jahren in einer Heilanstalt für geistig Kranke abspielte, in der er von seiner Familie zwangsweise eingewiesen wurde und mehrere Jahre verbrachte. Zum zweiten erzählt er von in langen Rückblenden von seiner Zeit dort. Allerdings wählt hier der Autor die Perspektive eines außenstehenden, allwissenden Erzählers und ermöglicht dem Leser dadurch Einblicke in die Gedankenwelt einer Vielzahl von Personen, welche aus der Ich-Perspektive nicht möglich wäre.
Zu Beginn wiegt der Erzähler uns in trügerischer Sicherheit, sofern man genug Distanz zu den teils doch recht krassen Behandlungsmethoden der damaligen Zeit wahrt. Doch schnell eskaliert die Situation in der Anstalt, als ein grausamer Mord geschieht und eine Staatsanwältin Ermittlungen aufnimmt. Sie macht Francis und seinen Mitinsassen Fireman zu einer Art Hilfssheriffs, die ihr helfen sollen, den Täter zu finden. Die behandelnden Ärzte belächeln von Anfang an die Bemühungen der Staatsanwältin und verweigern jede Unterstützung. So sind die Drei auf sich selbst gestellt, um den Mörder zu finden, während ihnen die Zeit davon rennt. Denn es scheint so gut wie sicher, dass bald ein weiterer Mord geschieht.
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John Katzenbachs großes Geschick liegt in den psychologischen Studien und der lebendigen Ausarbeitung seiner Protagonisten. Er lässt dem Leser ausreichend Zeit, sich mit den Personen zu beschäftigen, zeichnet diese jedoch von Beginn an bunt, denn durch den Kniff der wechselnden Erzählperspektive ist einiges des Erzählten unsicher, wird unterschiedlich dargestellt und verunsichert den Leser gehörig. Außerdem legt er geschickt falsche Fährten oder baut erstaunlich kreative Fallen, um den Leser auf die falsche Spur zu lenken oder lässt in einem Nebensatz wie zufällig eine Äußerung fallen wie: „Wenn uns der Handwerker bereits jetzt aufgefallen wäre, hätte sich alles anders entwickelt“.
Der Leser beginnt fieberhaft zu überlegen, nur um etliche Seiten später zu erfahren, dass er diese Zeile anders interpretiert hat, als sie vom Autor gemeint war. Ziemlich gemein, aber sehr effektiv und anregend. Obwohl der Roman sich sehr flüssig liest, braucht der aufmerksame Leser doch erheblich mehr Zeit bis zum überraschenden Finale als bei vergleichbaren Thrillern weil der Autor immer wieder durch die Freigabe weiterer Details vergangenes in einem anderen Licht erscheinen lässt und der Leser so manches Mal einige Zeiten zurück blättert, um sich die betreffende Stelle nochmals durchzulesen.
Fazit: In einem ungewöhnlichen Ambiente angesiedelter Psychothriller mit ausgeklügeltem Plot, zahlreichen unvorhersehbaren Wendungen, geschickt angelegten falschen Fährten und Finten und sympathischen Figuren. Bis zum ungewöhnlichen und überraschenden Ende wird der Leser vom Buch gefesselt und so mancher wird sich vielleicht fragen, wo die Grenze zwischen gesund und krank liegt.
John Katzenbach Die Anstalt Knaur Taschenbuch, Mai 2006
752 Seiten, EUR 8,95
ISBN 3426629836