Im Mai 1992 begann der Schriftsteller Helmut Krausser mit dem Führen von für die Veröffentlichung bestimmten Tagebüchern, jeweils einen Monat pro Jahr. Damals war sein Roman „Fette Welt“ gerade fertiggestellt, der Bundeskanzler hieß Helmut Kohl, und der erste Angriff der USA auf den Irak lag gerade ein Jahr zurück. Zwölf Jahre lang, jeweils einen anderen Monat, hat Helmut Krausser nun Tagebuch geführt – der letzte Band, der die Tagebücher des März 2003 und des April 2004 enthält, ist nun erschienen.
Die Tagebücher
Das erste der beiden Tagebücher, der März 2003, beschreibt den Zeitraum unmittelbar nach dem Erscheinen von Kraussers Roman „UC“ (Besprechung bei uns). Während Krausser sich in dem Zustand der Leere, der dem Abschluß eines solchen Mammutwerks unweigerlich folgt, befindet, erscheinen die ersten Rezensionen zu UC. Der Schriftsteller äußert sich hier eher abfällig: die Kritiker seien nicht in der Lage, ein solches Buch auch nur richtig zu lesen, geschweige denn zu interpretieren. Dabei wurde der Roman von der Kritik nicht einmal schlecht aufgenommen – aber in Kraussers subjektivem Empfinden fallen die negativen Schlagzeilen weit stärker ins Gewicht.
Im zweiten Tagebuch, der April 2004, dreht sich alles um die Fertigstellung des Romans „Die wilden Hunde von Pompeii“ (Besprechung bei uns), um Überarbeitungssitzungen nach Mitternacht, um Schreibblockaden und Korrekturfahnen – und darum, daß Kraussers Lebensgefährtin, Muse und Illustratorin Beatrice ihre Zeit größtenteils damit verbringt, Lara-Croft-Level zu entwerfen. Nebenbei handelt dieses Tagebuch auch von der profansten Sorge des Schriftstellers, nämlich der Frage, wovon eigentlich die Rechnungen bezahlt werden, wenn das nächste Buch kein Bestseller wird. Zum Ende hin wird der Autor fast ein wenig sentimental, daß das Tagebuchprojekt nun abgeschlossen ist, und spielt kurz mit dem Gedanken, gleich einen zweiten Zyklus zu beginnen.
Der Autor hinter den Werken
Mit diesen Tagebüchern findet ein ehrgeiziges Projekt seinen Abschluß – der Zeitraum von zwölf Jahren, über den sich dieses Werk erstreckt, ist kaum zu greifen, er demonstriert die Entwicklung des Autors von einem weitgehend unbekannten Newcomer zu einem der bekanntesten Namen der deutschen Gegenwartsliteratur. Dabei schwankt Krausser stets zwischen Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung, wobei das Pendel zum Ende hin deutlich zu letzterem ausschlägt. Negative Kritiken, schlechte Verkaufszahlen, andere Autoren, die an seiner statt Bestsellererfolge feiern? Alles selbstverständlich dem mangelnden Verständnis des Publikums und der Kritiker zuzuschreiben!
Autorentagebücher geben mit ihrem wilden Sammelsurium aus Alltagsbeobachtungen, politischen Kommentaren und Anekdoten über die Entstehung der literarischen Werke dem Leser die Möglichkeit, den Schriftsteller hinter den Büchern kennenzulernen – nach der Lektüre dieses Buches bleibt die Frage, ob man in dem Fall auf diese Möglichkeit nicht lieber verzichtet hätte. Krausser stilisiert sich mit diesem letzten Band – Kurzzusammenfassung der Änderungen gegenüber: weniger Sex, mehr Selbstbeweihräucherung – endgültig zum größenwahnsinnigen Unsympathen. Das macht seine Romane natürlich nicht schlechter – aber man liest sie doch besser in Unkenntnis dieser Ergüsse egozentrischer Masturbation.
Helmut Krausser März. April 348 Seiten, Rowohlt Verlag
ISBN 3-499-24102-1