Taktierende Magier und verschlagene Diebe: Die Rebellin
Brandgeruch drang an Soneas Nase. Als sie sich umdrehte, sah sie einige Schritte entfernt eine Gestalt mit dem Gesicht nach unten auf dem Pflaster liegen. Obwohl Flammen hungrig an den Kleidern züngelten, war die Gestalt vollkommen reglos. Dann sah sie die geschwärzte Masse, die früher einmal ein Arm war, und Übelkeit krampfte ihr den Magen zusammen.
Ein dummer Zufall kostet den Jungen das Leben. Einmal jährlich, so will es die gute, alte, liebgewonnene Tradition, werden die Bleibehäuser der Stadt einer „Säuberung“ unterzogen. Alle Menschen, welche die herrschenden Häuser völlig willkürlich als „unliebsame Elemente“ definieren, werden aus ihren Behausungen innerhalb der Stadtmauern getrieben und vor die Stadt gejagt. Da dies seit vielen Jahren praktiziert wird, hat sich dort im Laufe der Zeit ein Slum aus windschiefen Hütten, stinkenden engen Gassen, schwärenden Krankheitsherden und zwielichtigen Gilden gebildet, von denen die der Diebe die einflussreichste ist. Und jedes Jahr kommt es zu einem Menschenauflauf wütender Einwohner, die gegen diese ungerechte Vorgehensweise protestieren.
Doch der Widerstand ist eigentlich symbolisch zu betrachten, denn die mächtige, mit den Häusern verbündete Magiergilde, wirkt jedes mal einen undurchdringlichen Schutzschild, so dass die wütende Menge keinen Schaden anrichten kann. Auch Sonea und ihre Angehörigen sind diesmal von Säuberung betroffen. Als sie verzweifelt und wütend durch die Strassen streift, trifft sie einige Bekannte ihrer Kindheit wieder, zu denen sie den Kontakt abbrach, als diese begannen, mehr als nur kleine, zum Überleben notwendige Diebereien zu begehen. Sie lässt sich von ihnen mitreißen und greift wie diese zu einem Pflasterstein, den sie in Richtung der Magier wirft. Doch zu ihrem Entsetzen fliegt der Stein durch den undurchdringlichen Schild hindurch und verletzt einen der Magier.
Sofort bricht bei diesen Panik aus. Schnell ist die Richtung ausgemacht, aus welcher der Stein flog. Unverzüglich wirken einige Zauberer einen Haltezauber. Doch diese verbinden sich zu einem gewaltigen Feuerball, der den unschuldigen Jungen trifft, der neben Sonea steht und diesen tötet. Sonea steht wie versteinert da, doch Cery reist sie mit sich fort und versteckt sie bei Freunden. Doch die Magiergilde setzt alles daran, die „wilde Magierin“ in ihre Hände zu bekommen…
Eigentlich ist es üblich, einen Roman mit einer sanft ansteigenden Spannungskurve zu beginnen, doch Trudi Canavans Roman „Die Gilde der Schwarzen Magier“ beginnt gleich mit dem teilweise oben angerissenen Paukenschlag und gewährt dem Leser erst danach eine kurze Pause, bevor sie den Bogen erst schnell und später fast bis zum Zerreißen anspannt. Trotz aller dramatischer Momente und adrenalinsteigernden Verfolgungsjagden schafft die Autorin es scheinbar spielend, uns die vier wichtigsten Charaktere des Romans näher zu bringen und psychologisch glänzend auszuarbeiten.
Dies ist insofern bemerkenswert, da es sich um einen dem Genre des Jugendbuches zuzuordnenden Titel handelt und dort selten soviel Aufmerksamkeit den glaubhaften psychischen Motivationen gewidmet wird. Zum einen ist da die weibliche Hauptperson, welche androgyne Züge zeigt und sich jedem gängigen Schema entzieht. Sie ist weder burschikos noch hübsch, weder angepasst noch ein unverstandenes Aschenputtel oder Mauerblümchen, sondern eine glaubhafte Figur: zäh, willenstark, intelligent, impulsiv. Ihr familiärer Hintergrund wird erwähnt, spielt aber, außer das sie der Unterschicht angehört, keine Rolle.
Ihr männlicher Freund Cern ist ähnlich konzipiert: eher kleinwüchsig, schlau und ansonsten von unscheinbarer Durchschnittlichkeit hebt auch er sich nicht wesentlich von tausend anderen Bewohnern der Slums ab, außer das er einige besondere Fähigkeiten und Kontakte besitzt, welche ihn für die Geschichte unentbehrlich macht. Beide Charaktere haben jedoch nichts rollentypisches, so dass sie sich beide hervorragend als Identifikationsfiguren eignen und somit auch das Buch für diejenigen interessant machen, die sich auf Grund der Tatsache, dass „ein Mädchen“ die Hauptrolle spielt, vielleicht von dem Vorurteil leiten lassen, „dass ist nichts für mich“.
Sie würden einen großen Fehler machen, denn dieses Buch hat es im wahrsten Sinne des Wortes „in sich“. Denn das Geschlecht der Protagonistin spielt in dem Sinne eine wichtige Rolle, dass die gesamte Gesellschaft streng patriarchalisch organisiert ist. Weibliche Magier, wenn man sie denn überhaupt ernst nimmt, werden allenfalls als Heilerinnen geduldet. Den Aufruhr und die fieberhafte, ja fast verzweifelte Züge annehmende Jagd, welche sie verursacht, liegt darin begründet, dass es niemandem gestattet ist, außerhalb der Gilde Magie zu wirken oder Magiebegabte auszubilden. Dieses Privileg will sich die Gilde um keinen Preis nehmen lassen und so setzt sie alles daran, Sonea in ihre Finger zu bekommen um sie der Gilde einzuverleiben – oder ihr die magischen Fähigkeiten zu nehmen und sie in die Armut zurückzustoßen.
Dabei sind die Magier so durch ihren eigenen Wohlstand korrumpiert, dass sie Sonea für käuflich halten. Ob es den Magiern gelingt, Sonea zu fangen oder ob sie gemeinsam mit ihrem Freund Cern einen Ausweg findet, soll hier nicht verraten werden, denn es würde ihnen den Genuss an dem toll geschriebenen spannenden Buch verderben. Die geschilderten Ereignisse geschehen ca. in den ersten 30 von 540 Seiten und somit dürfen sie sicher sein, dass die verschwiegenen turbulenten Geschehnisse sie wie magisch in ihren Bann ziehen werden.
Fazit: Hoher Identifikationswert durch zwei perfekt psychologisierte Hauptfiguren
Trudi Canavan Die Rebellin - Die Gilde der Schwarzen Magier aus dem Amerikanischen von Michaela Link
cbt - Random House Verlagsgruppe, April 2006
544 Seiten, EUR 9,95
ISBN 3570303284