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Venezianische Verlobung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Haan, am 04-05-2006 08:00
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Venezianische VerlobungDem Kaiser im Weg

Sie muss Hals-Über-Kopf die Flucht ergreifen, als ihr der Taschendiebstahl misslingt. Nur mit Mühe und Not kann sie den Carabiniere entkommen, indem sie in eine Wohnung flüchtet, deren Tür sich widerstandslos öffnen lässt. Als sich ihre Augen ans Dunkel gewöhnt haben, sieht sie einen Mann, „der drei Schritte entfernt von ihr auf dem Boden hockt“. Vor ihm liegt eine Frau. „Der Mund der Frau war weit aufgerissen, wie ein sperrangelweit geöffnetes Tor, und ihr Gesicht drückte noch im Tod grenzenloses Erschrecken aus. Sie machte unwillkürlich einen Schritt zurück, schrie aber nicht. Vermutlich, dachte sie später, war es das, was ihr das Leben rettete.“

Die Tote ist die Geliebte von Erzherzog Maximilian, dem jüngeren und überschuldeten Bruder des Kaisers; der Mörder ist sein treuer Diener Schertzenlechner. Maximilian soll zum Kaiser von Mexiko gekrönt werden und kann sich keinen Skandal leisten. Deshalb musste sie vorsorglich zum Schweigen gebracht werden und Schertzenlechner leistete ganze Arbeit. Dass er einen Zeugen am Leben gelassen hat, erscheint ihm nicht erwähnenswert. Denn auf Grund des dichten Nebels konnte er unmöglich erkannt worden sein. Was er jedoch nicht weiß ist, dass die Zeugin ihn eine Stunde später wieder erkannte, als er sich auf dem Schiff Erzherzog Sigmund nach Triest einschiffte.

In Nicolas Remins zweitem Roman „Venezianische Verlobung“ gilt Commissario Trons größte Sorge eigentlich der Werbung um die Principessa di Montalcino. Doch dann betraut man ihn mit der Aufklärung des Mordes an Anna Slataper und schnell stellt sich heraus, dass höchste Regierungskreise in den Fall verstrickt sind. Zu allem Unglück gehören einige der Verdächtigen zum engsten Freundeskreis seiner Umworbenen und so ist es für ihn nicht einfach, sich zwischen dienstlicher Pflicht und privaten Interessen zu entscheiden. Doch nicht nur dieser Gewissenskonflikt spielt eine große Rolle im vorliegenden Roman. Auch die 1863 herrschenden politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse und Umbrüche thematisiert der Autor versiert und gut recherchiert in seinen spannenden Plot. Dabei artet das Buch nicht in eine historische Vorlesung aus, sondern dient zweierlei. Zum einen der Verdeutlichung der hierarchischen Verhältnisse und der dadurch erheblich beeinträchtigten Befugnisse des Commissarios. Zum zweiten, um einige höchst interessante und ausgefallene Wendungen in den Fall einzubauen.

Keine Kopie von Donna Leon

Nicolas Remins Roman ist dabei jedoch keine um 150 Jahre verschobene Variante von Donna Leons Romanen rund um Commissario Brunetti, sondern es sind höchst eigenständige Werke. Obwohl beide Venedig als Charakter in die Handlungen mit einfließen lassen, gehen dabei beide ihren individuellen Weg. Remins Beschreibungen der Stadt, ihrer Sehenswürdigkeiten, Einwohner und des Ambientes sind auch dem Zeitrahmen angepasst und klingen eher nach E. M. Foster denn nach zeitgenössischen Autoren, ohne schwülstig oder unangemessen gekünstelt zu klingen. Obwohl akribisch recherchiert, bleibt „Venezianische Verlobung“ ein Kriminalroman und erinnert, wenn man denn überhaupt einen Vergleich bemühen will, an die Romane von Boris Akunins russischem Geheimrat Fandorin.

Der Autor schafft es mühelos, den Spannungsbogen von Beginn an langsam steigen zu lassen und bis zum Ende des Buches reißt dieser nicht mehr ab. Während des Plots wird der Charakter des Commissario Tron weiter entwickelt und geschickt auf bereits berichtete Ereignisse des ersten Romans „Schnee in Venedig“ zurückgegriffen, ohne jedoch zuviel vom Plot des Erstlings zu berichten. So kann der Leser, der den ersten Band noch nicht kennt, bedenkenlos auch diesen kaufen und sich so die Wartezeit auf den hoffentlich bald erscheinen dritten Teil verkürzen.

Verblühende Dekadenz und vibrierende Erotik

Mediterranen Flair vermag auch Karl Manrad, der Sprecher des Hörbuches, zu verbreiten. Mit leicht österreichisch angehauchtem Akzent gibt er der verblühenden Dekadenz des ausgehenden Jahrhunderts eine Stimme und vermag dabei sowohl liebevoll vom alten Venedig zu berichten als auch knallhart die Spannung zu erzeugen, die für eine Kriminalhandlung dieses Formates erforderlich ist. Besonders gelungen ist die audiophile Umsetzung der vielschichtigen Beziehung zwischen Tron und der Principessa: Hier meint man, fast die knisternden Gefühle zwischen den beiden spüren zu können bei ihren thematisch sachlichen, aber voller Erotik vibrierenden Gesprächen.

Fazit: Gelungene Fortsetzung der Reihe rund um Commissario Tron. Hier stimmt einfach alles: Charaktere, detaillierte und stimmungsvolle Ortsbeschreibungen, undurchsichtige Figuren, geheimnisvolle Gerüchte und eine Liebesgeschichte machen den spannenden Kriminalroman rund. Dem ganzen setzt Karl Manrad mit seiner funkensprühenden Interpretation und dem mediterranen Flair die Krone auf. Für alle Freunde von Boris Akunin, Donna Leon und Venedig mehr als einen zweiten Blick wert!

Nicolas Remin
Venezianische Verlobung
Jumbo Neue Medien, Januar 2006
4 CD's, EUR 24,95
ISBN
3833715464

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Letztes Update: 08-05-2006 10:14

Veröffentlicht in : Hörbuch, Krimi / Thriller
Schlüsselworte : nicolas remin, remin, venedig, donna leon, brunetti, italien, venezianische verlobung
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