Wir haben uns mit ihm über historische Romane, Wissenschaft und das Lebensgefühl im Mittelalter unterhalten.
Hans Peter Roentgen: Deine Bücher spielen oft im Mittelalter. Was reizt dich besonders an dieser Epoche?
Titus Müller: Man war auf der Suche, in der Kunst, in der Wissenschaft, und vor allem in den Fragen der Religion. Mir imponiert, mit welcher Verzweiflung und Hingabe man nach dem Richtigen, Wahren gesucht hat. Wir tun das heute nicht mehr. Für uns ist interessant, wohin der nächste Urlaub geht, ob wir uns ein neues Auto kaufen können und was im Fernsehprogramm läuft. Ich glaube, dass uns der Luxus, in dem wir leben, wie ein Nebel umgibt. Insofern ist das Mittelalter, in dem viele Menschen arm waren, eine Epoche, die für mich ein interessantes Gegengewicht bildet zu unserer heutigen Lebenswelt.
Hans Peter Roentgen: Dass in Basel 1349 die Pest ausbrach, kann man nachlesen. Was sich in Basel wo befand, welche Gesetze galten, auch. Aber du beschreibst auch, was deine Personen fühlen, wie sie denken. Wie schreibt man Personen mit Gefühlen, Gedanken aus einer anderen Welt?
Titus Müller: Die Menschen damals haben ja nicht nur Gesetze aufgeschrieben. Es gibt Literatur aus dieser Zeit, Streitgespräche über die Beschaffenheit der Welt, Verhörprotokolle, Briefe. Aus diesen Zeugnissen lernt man viel über die damalige Art, zu denken.
Hans Peter Roentgen: Viele historische Romane beamen starke Frauen aus der heutigen Zeit in die Vergangenheit. Oder beschreiben eingeschüchterte, hilflose Heimchen am Herd. Deine Saphira ist weder das eine noch das andere. Haben wir, was mittelalterliche Frauenrollen angeht, ein Vorurteil?
Titus Müller: Das Problem sind nicht die starken Frauen. Dass es die im Mittelalter gab, lässt sich anhand von Beispielen ohne weiteres nachweisen. Ich sage mal frech: Starke Frauen gab es immer, vom Anfang der Menschheit bis heute. Das Problem sind die Möglichkeiten, die man ihnen im Roman an die Hand gibt. Da muss man gut aufpassen, nicht die heutigen Gegebenheiten in die Vergangenheit zu übertragen. Es gab auch damals Schlupflöcher, und die kann man nutzen. Zum Beispiel durfte unter bestimmten Umständen die Frau eines Handwerksmeisters seinen Betrieb übernehmen, wenn er starb, und als Witwe sogar der Zunft beitreten. Wenn ich das so beschreibe, verfälsche ich nicht die Gegebenheiten, und biete meinen Lesern eine aktive, handlungsfähige Protagonistin.
Hans Peter Roentgen: Du gehörst zu den Schriftstellern, die für ihre ausführlichen Recherchen bekannt sind. Wie viele Fachbücher hast du für „die Todgeweihte“ gelesen?
Titus Müller: Keine Ahnung. Bei meinem vorletzten Roman, "Die Brillenmacherin", habe ich darüber Buch geführt, aber für "Die Todgeweihte" nicht. Was mich diesmal besonders froh gemacht hat in Bezug auf die Recherchen, ist das Lob der jüdischen Leser. Die Heldin des Romans ist ja Jüdin, und ich habe die jüdischen Museen in Berlin und Basel besucht und Bücher über das Alltagsleben der Juden gelesen, um sie glaubwürdig zu beschreiben. Als im Schweizer Fernsehen ein jüdischer Lehrer den Roman lobte und sagte, obwohl er orthodoxen Glaubens sei, könne er ihn seinen Söhnen zu lesen geben, hat mich das glücklich gemacht. Auch ein jüdischer Rabbi kam zu einer Lesung von mir. Vergangene Woche wurde ich in die Bibliothek einer jüdischen Gemeinde eingeladen, um aus dem Roman zu lesen. Das zeigt mir: Die Recherchen haben mir geholfen, den richtigen Tonfall und die richtigen Details zu finden.
Hans Peter Roentgen: Shakespeares Othello und Macbeth sind eher keine historischen Figuren und Schillers Don Carlos auch nicht. Auch heute gehen viele „historische“ Romane sehr freizügig mit den Fakten um. Ist historisches Detailwissen, Recherche für einen Autoren überhaupt notwendig oder hindert es seine Phantasie? Muss ein Autor historischer Romane ein historischer Fachmann sein?
Titus Müller: Leser historischer Romane schätzen den zusätzlichen "Lerneffekt" – sie wollen, während sie unterhalten werden, etwas über die Geschichte der Menschheit lernen. Nach jeder Lesung wird mir die Frage gestellt: Wie viel von dem ist wahr, was Sie im Roman schildern? Wenn ich dann sage, dass ich vor Ort war und mit den Nachfahren der Protagonisten gesprochen habe, leuchten die Augen auf, und die Leute rennen zum Büchertisch. Ein Autor kann mit seinem Material machen, was er will. Für die Leser allerdings wird eine Geschichte glaubwürdiger, wenn ein großer Teil der Elemente aus der realen Welt entnommen ist.
Hans Peter Roentgen: Die Kirche macht den Wissenschaften im Mittelalter Vorschriften, verbrennt Ketzer; Theologen begründen ihr Wissen einzig mit Bibel- oder Aristoteleszitaten.
Gleichzeitig blühen in den Klöster die Anfänge von Naturwissenschaften und Technik auf; Mönche kopieren antike Schriften und machen damit Renaissance und Moderne überhaupt erst möglich. Bei Mittelalter denken wir an religiöse Vorurteile und Hexenverbrennungen, aber es sind Theologen, die den Hexenglauben als heidnische Wahnvorstellungen, eines Christen unwürdig, bezeichnen.
Titus Müller: Es fällt uns heute schwer, das Mittelalter objektiv einzuordnen. Zu tief sitzen die Kampfparolen der Französischen Revolution, von der unsere Gesellschaftsform ausgegangen ist. So ist es mit neuen Zeitaltern: Zuerst einmal muss man das vorhergehende niedermachen, um sich zu legitimieren. In Frankreich wollte man damals die christliche Religion abschaffen, und als wirksamstes Argument erwies sich die Parole, das Christentum sei verstaubt und rückständig und behindere die Wissenschaften. Seitdem glauben Westeuropäer, die Kirche habe im Mittelalter alles getan, um neues Wissen zu verhindern. Nichts könnte falscher sein! Mir sind da erst im Studium – ich habe mittelalterliche Geschichte studiert – die Augen aufgegangen. Klöster waren im Mittelalter die Zentren von Wissen und Forschung schlechthin. Hier hat man gelesen, experimentiert, diskutiert, niedergeschrieben. Aber es ist wie mit einem guten Werbespruch. Ob er wahr ist, spielt keine Rolle. Er prägt sich ein und sitzt fest.
Hans Peter Roentgen: Die mittelalterlichen Studierstuben kannten noch nicht die Begriffe moderner Wissenschaft wie Experiment, Verifikation und vielfach wurde nur mit Bibel- oder Aristoteles-Zitaten gearbeitet. Dennoch wurden damals viele technische Entdeckungen gemacht. Du beschreibst in der „Brillenmacherin“, dass es bereits eigene Zünfte der Brillenmacher gab. Lässt sich eigentlich sagen, wann die Brille erfunden wurde?
Titus Müller: Wer sagt das, dass man im Mittelalter Experiment und Verifikation noch nicht kannte, und nur mit Bibelzitaten gearbeitet hat? Das ist doch Unfug. Gestern Abend war ich bei einer Autorenkollegin zu Besuch, und wir haben über ihre Romanthemen gesprochen.Kathrin Lange schreibt Romane über die mittelalterliche Astronomie. Mir klappt die Kinnlade runter, wenn ich sehe, was die mittelalterlichen Astronomen schon alles wussten. Für Kathrins neuen Roman wird von einem Profi eine Sternenkarte gezeichnet nach den Angaben, die im 14. Jahrhundert aufgeschrieben worden sind: Winkel, Entfernungstabellen, Beobachtungsberichte. Mit feinsten technischen Geräten wie dem Astrolabium hat man damals Berechnungen angestellt. Man hat Planetenbahnen vermessen, Karten gezeichnet. Bedenke: So ein Astrolabium muss dem Standpunkt des Betrachters angepasst sein! Auf Sizilien funktioniert es anders als in Nordfrankreich. Warum glauben wir nur, im Mittelalter seien die Leute dümmer gewesen als wir heute? Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind unserer selbst so unsicher, dass wir uns nur mit Arroganz über die Runden helfen können.
Entschuldige, du hast etwas ganz anderes gefragt: Ob man weiß, wann die Brille erfunden wurde. Nein, das weiß man nicht. Immer, wenn man meint, ein Jahr festlegen zu können, findet man in einer alten Kirche unter dem Boden eine Brille, die im Mittelalter jemandem zwischen den Planken durchgerutscht ist und muss feststellen, huch, damals gab es die also auch schon!
Hans Peter Roentgen: Auch in „die sieben Häupter“ spielt eine technische Formel eine Rolle: Das Schwarzpulver, das lange als Erfindung eines Mönches im vierzehnten Jahrhundert galt, aber offenbar schon viel früher bekannt war. Wie hat man sich die Arbeit eines mittelalterlichen Gelehrten vorzustellen? Kopieren alter Manuskripte? Verfassen von Schriften anhand von Bibel- oder Aristoteles- Zitaten?
Titus Müller: In der Zeit vor dem Buchdruck war es tatsächlich wichtig, an Schriften heranzukommen und sich eine Kopie machen zu lassen. Man hat sich gegenseitig Bücher geliehen und sie für teures Geld abschreiben lassen. Wer es weit brachte, ging nach Paris, Bologna, Cambridge oder Oxford an die Universität – im 13. Jahrhundert gab es schon ein Dutzend Universitäten! – und schloss sich dem collegium doctorum an, das die Studenten unterrichtete. Es gab Fakultäten für Medizin, Jura, Theologie, Grammatik, Rhetorik, Philosophie. Bibliotheken galt es zu durchstöbern. Die Studenten hatten Vorlesungszeiten und Ferien, die Magister nahmen ihnen Examen ab und überreichten Grade. Zur letzten Frage, ob es Experimente gab: Nun, ohne Experimente hätte es wohl kein Schwarzpulver gegeben, keine Brillen, keine wasserkraftbetriebene Hammerwerke, keine Räderuhr, keine Fußbodenheizung und keine Medizin (man durfte sich beim Obduzieren der Leichen allerdings nicht erwischen lassen).
Hans Peter Roentgen: Warum machten sich Mönche eigentlich die unendliche Mühe, alte Schriften zu kopieren? Bei der Bibel ist das noch erklärlich, das war das Wort Gottes. Aber was waren die Motive, alle diese antiken Schriftsteller abzuschreiben? Warum legten sich Klöster umfangreiche Bibliotheken an mit Büchern, die mit Theologie zunächst nichts zu tun hatten?
Titus Müller: Warum legen wir heute Bibliotheken an? Die Menschen waren immer wissbegierig, ob nun in der Antike, im Mittelalter oder heute. Und Mönche waren besonders stark auf der Suche. Sie hatten viel Zeit zum Nachdenken und ein großes Bedürfnis danach, Gott zu verstehen. Da nach ihrem Verständnis Gott die Welt geschaffen hatte, hieß, die Welt zu erforschen, Gott zu erforschen. Man war der Meinung, dass sich Gott in seiner Schöpfung offenbart hat.
Hans Peter Roentgen: Umberto Eco erzählt, dass oft die Zitate, die in seiner „Name der Rose“ echt waren, von Lesern für erfunden gehalten wurden und umgekehrt. Ist dir das auch schon passiert?
Titus Müller: (Lacht.) Allerdings. Wenn ich eine Stelle sehr offiziell klingen lasse, gehen die Leser davon aus, dass ich ein mittelalterliches Dokument zitiere. An anderer Stelle, wo ich wortwörtlich Aussagen übernommen habe, ahnt es niemand.
Hans Peter Roentgen: In deinem neuesten Buch „die Todgeweihte“ sind Juden die Geldverleiher, weil gläubige Christen keinen Zins nehmen durften. Aber gleichzeitig treten in Basel erstmals italienische „Banchieri“ auf, die Mittel und Wege gefunden hatten, dasZinsverbot zu umgehen, die Vorboten der Globalisierung sozusagen.
Titus Müller: Im wahrsten Sinne des Wortes! Das "virtuelle Geld" der Bancheri hat schon weit in die Moderne vorgegriffen. Sie stellten Wechsel aus, zuerst nur, wenn auch Geld hinterlegt wurde, später aber als echte Kredite. So konnten Kaufleute ihre Schiffe für ausgedehnte Handelsreisen ausrüsten und erst bei der Heimkehr mit dem Gewinn den Kredit zurückzahlen. Den Wechselschein konnte man aber auch einem anderen Kaufmann übertragen. Der Weg zu Versicherungen und Optionsscheinen war da nicht mehr weit.
Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.
Ein weiteres Interview mit Titus Müller findet sich hier.