Eine Lanze wollte Frau Löffler für die professionelle Literaturkritik brechen, für alle die, die in Zeit, FR, FAZ, SZ, Welt und Spiegel Bücher besprechen, darlegen, warum diese nie und nimmer durch Internet-Rezensenten zu ersetzen seien. Stattdessen hat sie die schlimmsten Vorurteile derer bestätigt, die die Kulturseiten der Zeitungen schon immer misstrauisch beäugt haben. Ein Eigentor? Ach was, ein Abstieg, ein Absturz und selbstverschuldet obendrein.
Manche Bücher sind nicht rezensierbar, erklärt uns Frau Löffler. Jedenfalls nicht durch professionelle Literaturkritik. Dabei ist nichts so interessant. Auch und grade, weil in Talkshows so gerne daran vorbeigeredet wird. Nicht weil diese Bücher gut sind – das sind sie eher selten – sondern weil sie uns eine Menge über Literatur verraten. Warum wird Dan Browns Illuminati so gerne gelesen? Ganz sicher nicht wegen dem Stil, der nicht mal eingefleischte Dan-Brown Fans zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Ganz sicher nicht wegen der Figuren, die die Tendenz haben: Flach is beautiful.
Aber der Mann kann plotten und versteht sich auf Spannungsbögen, seien sie auch noch so an den Haaren herbeigezogen.
Soll man ihn deshalb rezensieren? Kann man ihn rezensieren? Müssen muss man nicht, aber können sollte man, jedenfalls dann, wenn man das Rezensieren ernst nimmt. Ein Armutszeugnis stellt sich aus, wer das Gegenteil behauptet. Leider traurige Realität in den Kulturteilen vieler Zeitungen. Da wird nur rezensiert, was zur „Hochliteratur“ gehört. Was dazugehört, legen professionelle Kritiker fest. Weswegen nur professionelle Kritiker – gemeint sind die Rezensenten von Zeit, Fr, FAZ, SZ, Spiegel und Literaturen – entscheiden können, was Literatur ist.
Zirkelschluss nennt man das in der Logik.
Wer einen guten Hamburger nicht von einem schlechten unterscheiden kann, wer sich weigert, Linseneintopf zu goutieren und weder willens noch fähig ist, dabei Unterschiede wahrzunehmen, der ist als Restaurantkritiker fehl am Platz. Tut er es dennoch, wird er im Delikatessengeschäft hoch oben in den Wolken den Kunden Stoffe aus des Kaisers neue Kleider empfehlen, eine altangesehene Marke, weit beliebter als Armani.
Wer keine Qualitätsunterschiede zwischen Potter und Illuminati findet oder finden will, sollte Bauchtanz rezensieren, aber keine Bücher.
Abwechslungsreich sei die gesündeste Ernährung, wissen Mediziner. In der Literatur ist das nicht anders. Wer glaubt, dass gebildete Leser sich dadurch definieren, was sie nicht lesen, nie lesen würden, befindet sich in guter Gesellschaft, aber irrt. Auch wenn die deutsche Literaturschickeria immer noch nur die zur Party einlädt, die schwören, dass sie bestimmte Bücher garantiert nicht gelesen haben.
Ja, es gibt eine professionelle Literaturkritik. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie gedruckt wird und die Rezensenten dafür Geld erhalten. Daneben gibt es unzählige Rezensenten im Internet, in endlos vielen Foren und Mailinglisten, in unterschiedlichster Qualität, vom Gefällt-Mir/Gefällt-Mir-Nicht Rezensenten bis hin zu ausführlichen, begründeten Buchkritiken. Die taugen alle nichts, erklärt Frau Löffler kategorisch. Wir sind die Schmuddelkinder und mit uns spielt man nicht. Warum? Weil wir nicht professionell sind. Weil wir nicht gedruckt werden.
Die Qualität von Rezensionen hängt von dem technischen Medium ab, das sie abbildet. Gedruckt= Gut, Internet=schlecht.
Und noch ein Denkfehler, ach was, Größenwahn, verkündet der Artikel. Nur die professionelle Literaturkritik könne dem Trend zum Mainstream entgegen wirken? Kann sie das? Will sie das überhaupt?
Was rezensieren denn Professionelle in der Fantasy – wenn sie sie überhaupt rezensieren? Harry Potter und Tintenblut. Wenn einer Eragon bespricht, hält er sich schon für einen Kenner. Anders ausgedrückt: Mainstream, Mainstream und nochmals Mainstream. Nicht gegen Potter und Tintenblut, aber wenn sie kein Mainstream sind, was dann? Wer neue, gute Fantasy abseits des Mainstreams, abseits Herr der Ringe Klone sucht, muss googeln.
Nicht anders bei Krimi, SF oder Kinderbuch. Im Kulturteil wird er nämlich nicht fündig, und wenn doch, dann ist es das, was alle bereits kennen. Bücher, die nicht zum Literaturgenre zählen, nicht in die eng gefasste Definition des Kulturteils passen, fasst man nur mit der Feuerzange an, oder am besten gar nicht. Zwar ist die Zeit der Kaiserin Victoria vorbei, auch im Delikatessenladen im oberen Stockwerk hängen die Tischdecken nicht mehr so tief, dass man die Beine nicht sieht, aber noch immer gilt: „Spannung ist der Unterleib der Literatur“ (Andreas Eschbach) und mit der befasst man sich eher ungern und nur heimlich.
Die Bel Etage, der Delikatessenladen hat dicke Teppiche und da lässt sich viel drunter kehren. „42“, das Buch haben die Profis gefeiert. Aber wer etwas mehr über das Werk wissen will, muss die Amazon Kritiken lesen. Auch wenn viele nur ein Satz sind, eines zeigen sie deutlich: Das Buch ist in einer Sprache geschrieben, die nur wenige ertragen können. Nichts dagegen, nicht jedes Buch muss Massenwirkung haben, doch warum findet man genau diese Information bei Amazon, nicht aber bei den Profis? Kein Zweifel, es gibt viele, viele, die Thomas Lehr gerne gelesen hätten – wenn es denn ginge. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass sich im Internet finden lässt, was professionelle Kritiker gerne zu erwähnen vergessen – oder vielleicht gar nicht erwähnen wollen. Wenn ich mich über ein Buch informieren will, google ich durchs Netz, bei Amazon, bei zahlreichen anderen Rezensionen und mittlerweile finden sich dort auch die Kritiken von Spiegel, Zeit und anderen. Natürlich kenne ich Rezensenten, deren Beurteilungen ich besonders schätze. Wortbläher, die ihre Kritiken mit „wortmächtig“ und anderen Sprachhülsen bestreiten, gehören nicht dazu – egal ob Profi oder nicht.
Zwar finden die Bücher von Kleinverlagen immer noch keinen Eingang in den Buchhandel, dafür gibt es für jedes und alles im Internet Möglichkeiten, ein Buch bekannt zu machen. Das Internet ist es, in dem auch Platz findet, was nicht zum Mainstream zählt. Ganz gleich ob experimentelle Lyrik, Short-Story oder Fräuleinwunder. Wer sucht, wird bald Foren finden, die sein Buch rezensieren. Garantien gibt es natürlich keine, Verrisse sind im Internet nicht seltener als in Zeitungen. Wenn es etwas gibt, das dem Mainstream Paroli bieten kann, dann sind es Foren und Mailinglisten. Nicht mal auf Werbekunden müssen sie Rücksicht nehmen. Wer glaubt, hier würde nur Mainstream besprochen, hat noch nie gegoogelt oder Scheuklappen, groß wie Flügel des neuen Airbus Jumbo-Jets.
Das ist es, was das Internet kann und nur das Internet kann das. Denn weder Frau Löffler, noch sonst jemand, nicht mal die vereinigten Kulturredakteure von FAZ, Zeit und Spiegel, können alle 70.000 Neuerscheinungen lesen, geschweige denn die wenigen Perlen aus dem Heuhaufen neuer Bücher klauben.
In einem muss ich Frau Löffler aber Recht geben. Wer einen verbindlichen Kanon sucht, wer sicher sein will, dass er nur „literarisch wertvoll“ liest, wer jemand braucht, der ihn an der Hand nimmt und durch die gefährliche Welt der Bücher geleitet, an der an jeder Ecke „Mainstream“- und „Schund“-Klippen drohen, die es zu umschiffen gilt, der wird im Internet nicht fündig. Verbindliche Kanons sucht man dort vergebens. Die kann nur eine in sich geschlossene Gruppe liefern, die es qua Dekret festlegt. Aber sind es wirklich die „anspruchsvollen Konsumenten“, die das brauchen?