Ein schamloses Leben Guido Knopp liefert ein filmreifes Porträt der „schillerndsten Figur des Nazireiches“
Seit gut zehn Jahren erscheint mindestens ein historisches Sachbuch von Guido Knopp, seines Zeichens Leiter des Programmbereichs Zeitgeschichte und Zeitgeschehen beim ZDF. Mit dem Beststeller „Hitler. Eine Bilanz“ hat es 1995 angefangen. Jetzt liegt mit „Göring. Eine Karriere“ erneut ein Buch vor, das den Aufstieg und Fall einer nationalsozialistischen Führungsfigur mit kräftigen Strichen nachzeichnet. Es soll den gleichnamigen Fernsehdreiteiler im „Zweiten“ begleiten und mit Hintergrundinformationen glänzen.
MACHT- UND PRACHTENTFALTUNG
Genau diesen Zweck erfüllt das Sachbuch inhaltlich, formal und sprachlich mit Bravour.
Das Leben des zweitmächtigsten Mann nach Hitler wird hier mit verblüffenden Zitaten und dramatisch zugespitzten Dialogen in Szene gesetzt. Viele Passagen der Biographie lesen sich wahrscheinlich wie das Drehbuch zur Dokumentation: flüssig und spannend. Görings romantisch-verbrämte Kindheit auf dem Schloss des jüdischen Patenonkels und seine Zeit als erfolgreicher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg stehen dem Leser nach wenigen Zeilen ebenso plastisch vor Augen wie sein pfeilschneller Aufstieg innerhalb der NSDAP und seine ungeheure Macht- und Prachtentfaltung nach 1933. Aber auch der rasante politische, körperliche wie mentale Verfall gegen Ende des Zweiten Weltkriegs läuft vor dem Leser wie ein Film ab.
Fast alle Randbemerkungen, Thesen und Schlussfolgerungen werden von Knopp und seinen drei an diesem Buch beteiligten Helfern wirkungsvoll und zuweilen recht salopp formuliert. So firmiert der Zufluchtsort von Hitler und Göring auf dem Obersalzberg schon mal als „Refugium der braunen Bonzen“ und der Beschuss der eigenen Flugzeuge durch deutsche Flaks in den letzten Kriegsjahren wird als „’friendly fire’“ bezeichnet.
In der Tat bietet Görings skrupelloses und opportunistisches Verhalten für eine populärwissenschaftliche Biographie reichlich spektakulären Stoff. Der seit 1923 morphiumabhängige und von seinen Ärzten nach einer erfolglosen Behandlung als „brutaler Hysteriker mit sehr schwachem Charakter“ eingestufte Koloss versetzte die Umwelt durch sein selbstherrliches und mitunter groteskes Gebaren immer wieder in entsetztes Erstaunen. Dass er mit unvorstellbarer Rücksichtslosigkeit Kunstschätze an sich riss, sich als „Reichsjägermeister“ in den Wäldern Brandenburgs ein fürstliches Anwesen von wahnwitzigen Ausmaßen errichten lassen wollte und in den letzten Kriegsmonaten lieber Urlaub machte als den katastrophalen Frontberichten seiner Luftwaffen-Offiziere Gehör zu schenken, ist zweifelsohne unglaublich.
SPEKTAKULÄR ABER WENIG NACHHALTIG
Vermutlich werden sich diese im Buch stark betonten Wesenzüge und Momente im Leben des „Nazi Number One“ beim Leser tiefer einprägen als die mindestens ebenso wichtigen, wenn auch schlichteren Fakten. Differenzierte Beobachtungen, geistreiche Analysen oder interessante Querverweise finden sich auf den 256 Seiten nur selten. Vor allem werden zwei für Görings Karriere ganz zentrale Fragen nur konjunktivisch bzw. durch vereinzelte Zitate von Hitler oder Goebbels beantwortet. Denn auch nach der Lektüre bleibt unklar, wie Göring nach fünfjähriger Parteiabstinenz 1928 ein solcher „politischer Senkrechtstart“ gelingen konnte, obwohl er bei Hitler zunächst abgeblitzt war.
Genauso unbefriedigend fallen die Antworten auf die Frage aus, wieso Hitler seinen potenziellen Nachfolger nicht hat fallen lassen, nachdem dessen militärische Inkompetenz nicht mehr zu leugnen war. Ob er wegen seiner angeblich so großen Beliebtheit beim Volk für den im Bunker untergetauchten Hitler unverzichtbar war und die Moral der Bevölkerung wirklich stärkte, bleibt äußerst fraglich. Das Vertrauen der NS-Führungsriege und der Zivilbevölkerung in seine Fähigkeiten begann spätestens mit den ersten Luftangriffen auf die deutschen Großstädte zu schwinden. Seine Offiziere und Mitarbeiter haben sich hinter vorgehaltener Hand, Hitler ganz offen über sein Versagen geäußert. Wie beliebt der Reichsmarschall in den letzten Kriegsjahren bei den Deutschen wirklich war, lässt sich mit den vorhandenen und sehr heterogenen Quellen gar nicht beantworten.
Knopps Göring-Biographie ist konkurrenzlos in ihrer Anschaulichkeit und populären Darstellungsweise. Sie ist aber auch konkurrenzlos effekthaschend und spekulierend. Eine Lebensbeschreibung für all jene, deren Lektüre- und Sehgewohnheiten auf kurzlebige Mediensensationen programmiert sind.
Fazit: Geschichtskino im Buchformat.
Guido Knopp Göring. Eine Karriere Bertelsmann Verlag, Februar 2006
288 Seiten, EUR 17,90
ISBN: 3570008916