"Jede neue Erfahrung verbindet sich mit dem köstlichen Gefühl, frei zu sein. Die Reisende entdeckt die Lebensfreude, eine Freude, die im Fortschrittseifer unserer Zivilisation auf der Strecke geblieben ist," schwärmt Ella Sykes zu Beginn des 19. Jahrhunderts in ihrem Tagebuch. Begeistert hat sie sich durch die Welt bewegt und im Orient ihre ganz persönliche Freiheit gefu
Die Vorstellung, dass die Freiheit in den Ländern des Nahen Ostens für Frauen besonders groß sein könnte, mutet zunächst merkwürdig an. Schließlich tragen Frauen in diesen strengen Männergesellschaften oft bis heute den Schleier, werden zwangsweise verheiratet und im Harem unter patriarchaler Kontrollegehalten. War die Freiheit damals, als die Frauen begannen, den Orient als Reiseland zu entdecken und zu beschreiben, eine andere?
Das Wort Reisen leitet sich vom althochdeutschen "risan" ab und bedeutet im Wortsinne aufstehen, sich erheben, aufbrechen. Aufgebrochen sind die Frauen damals nicht nur in fremde Länder, sondern vor allem auch in eine neue Selbständigkeit. Sie suchen und erleben Selbsterfahrung und Selbstbefreiung, sie brechen aus den engen Grenzen ihres Geschlechts aus, auch wenn ihnen über lange Zeit das Wissen um die naturgegebene Unterlegenheit der Frauen weiter anhaftet und gesellschaftlich aufgezwungen wird.
Die Kanadierin Barbara Hodgson hat sich in einem jetzt im Gerstenberg Verlag erschienenen Buch eingehend mit den Frauen befasst, die in einem Zeitraum von gut 200 Jahren den Orient erkundeten, um den häuslichen Konventionen zu entfliehen und Bildungslücken zu schließen. Die Britinnen waren die ersten, die ihre Koffer packten und das Schiff bestiegen. 240 reiselustige Engländerinnen, die Aufzeichnungen und Spuren hinterlassen haben, hat die Autorin ausfindig gemacht, außerdem 58 Französinnen, 28 Frauen aus deutschsprachigen und 23 aus anderen europäischen Ländern. Auch an Amerikanerinnen mangelte es nicht ( fast 100) und gut ein Drittel von ihnen hat Tagebücher oder Berichte verfasst.
Barbara Hodgson hatte also mehr als genug Stoff zur Verfügung, um ihr sehr schön bebildertes Buch zu einem sachkundigen und vielfältigen Beleg über die Frauentouren in den Orient werden zu lassen. Einige der berühmtesten Reisenden wie Lady Mary Wortley Montagu, Isabella Bird oder Ida Pfeiffer werden mit kurzen Biographien und Hinweisen auf ihre Werke einzeln vorgestellt. Daneben beleuchtet die Autorin die Art des Herumziehens zur damaligen Zeit, die Qualität der Herbergen, die Transportmittel, die Frage des Essens. Die damaligen Touristen diskutierten die Frage, ob es besser sei, in traditioneller Landestracht oder als Mann gekleidet unterwegs zu sein, sie setzten sich mit den Fragen von Anstand und Freiheit, Distanz und Nähe auseinander. Die Episode von Lady Montagus Besuch im Badehaus und das Staunen der Frauen über ihr Schnürleibchen fehlt ebenso wenig wie Ida von Hahn- Hahns abfällige Bemerkungen über die Weibchen ohne Intelligenz, als die sie die Araberinnen geringschätzt
Die Autorin entfaltet in ihrem Buch ein vielfarbiges und spannendes Panorama und sie vermag Reiselust zu wecken, zumal die Erfahrungen der Frauen mehr als deutlich machen, dass wir im Vergleich zu damals mehr als luxuriös zu reisen vermögen, mit vorgebuchten Hotels, mit sauberen Betten. Das alles war damals keine Selbstverständlichkeit, doch es scheint der Reiselust und der Freude am Abenteuer keinen Abbruch getan zu haben.
Die damaligen Entdeckungsfahrten durch die Länder des Nahen Ostens dauerten oft bis zu einem Jahr. Als Louise Jebb 1908 nach aufregenden Streifzügen durch die entlegenen Gegenden Mesopotamiens nach Damaskus zurück kam, zog sie Bilanz: "Gestern Nacht waren wir noch ungewaschen, wild und frei; heute Nacht sind wir sauber, von Menschen umgeben und gefangen".
Für reiselustige Leseratten und für alle die auch lesend die Welt zu entdecken vermögen, ist das Buch von Barbara Hodgson eine erhellende und auch unterhaltsame Lektüre.
Barbara Hodgson Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930 Übersetzt von Brigitte Beier, Gisela Sturm
Verlag Gerstenberg, Februar 2006
184 Seiten, EUR 24,00
ISBN: 3-8067 2943-3