Paul Temple und der Fall Madison: Wer den Penny nicht ehrt... Gentleman-Detektiv Temple führt ein Talisman zu Erpressern und Betrügern
Wie leergefegt sollen die Straßen gewesen sein, als Durbridges Krimis in den 60er Jahren über die deutschen Bildschirme flimmerten. So berichten es uns diejenigen, die dabei gewesen sind und natürlich die traumhaften Einschaltquoten. Doch was die Faszination dieser Straßenfeger wie „Das Halstuch“ (1962) oder „Melissa“ (1965) ausmachte, lässt sich für die „Nachgeborenen“ kaum mehr nachvollziehen. In den heutigen Köpfen sind die Suspense-Muster von Action und Psychologie abgelegt. Den unverkrampften Charme der Gentleman-Krimis weiß im Allgemeinen nur eine eingefleischte Fangemeinde zu schätzen. Und die würde es sehr begrüßen, wenn die 52-teilige Fernsehserie um den schriftstellernden Hobby-Detektiv Paul Temple wieder einmal ausgestrahlt würde.
Was die Fernsehsender mit Blick auf die zu erwartenden Zuschauerzahlen kalt lässt, wissen die Hörbuchverlage und Radiosender geschickt für sich zu nutzen. Sie befriedigen die Bedürfnisse der zahlreichen, wenn auch nicht millionenstarken Temple-Fans schon seit längerem mit der Neuauflage der deutschen Originalhörspiele aus den 1950er Jahren. Auch der fünfte Fall wird die Krimi-Nostalgiker nicht enttäuschen. Diesmal hat der englische Bestsellerautor gleich eine Unzahl von Morden für seine Fans parat. Und Temple darf sie in seiner üppig bemessenen Freizeit mit gewohntem Scharfsinn und Gelassenheit für Scotland Yard lösen.
Wer ist Madison?
Temple hat in diesem Fall „nur“ eine Frage zu lösen: Wer ist Mr. Madison? Ist er wirklich der Privatdetektiv, der den erfolgreichen und unter Amnesie leidenden Unternehmer Sam Portland über dessen Herkunft informieren will. Oder ist Madison vielleicht der Mörder von Portland, der schon nach wenigen Minuten tot in einem Swimmingpool treibt? Die Frau, die Tochter, der Sekretär und der leitende Angestellte des Toten sind Temple bei der Lösung der Frage nur eine schwache Hilfe. Sie alle haben angeblich von Madison und dessen Auftrag nie etwas gewusst und schweigen sich aus.
Erst eine Serie scheinbar nicht miteinander zusammenhängender Morde an Verbrechern, Polizisten und Freunden des Toten wecken Temples Kombinationsgeist. Der Schlüssel zu allem verbirgt sich in einem Talisman, einem Penny, den Portland in Erinnerung an seine unbekannten Eltern immer bei sich trug und auf den Verwandte wie Bekannte scharf sind. Er führt Temple und seine ihm stets hilfreich zur Seite stehende Ehefrau Steve nach kultiviert durchzechten Nachtklubbesuchen und Cocktailpartys auf die Spur einer skrupellosen Falschmünzerbande und die wenig ruhmreichen Vorfahren von Sam Portland. Wie nicht selten bei Durbridge endet der Fall in einem fulminanten Schlussakkord, der keine Fragen mehr offen lässt und elegant zum nächsten ungelösten Verbrechen überleitet.
Mit Esprit und Gespür
Auf den nächsten Fall darf man also jetzt schon gespannt sein und „Der Audio Verlag“ dürfte ihn wohl schon längst für seinen nächste Vorschau eingeplant haben. Denn es existieren noch sieben weitere Hörspiele mit dem Charakterdarsteller René Deltgen, der zwischen 1949 und 1966 Paul Temple seine Stimme lieh. Der schon früh auf skrupellose Verbrecher oder charmante Liebhaber abonnierte UFA-Schauspieler hat sich mühelos in die Rolle des Gentleman-Detektiv hineinversetzt.
Mit dem nötigen Esprit und einem untrüglichen Gespür für Täter und Opfer setzt Deltgen den Privatermittler in Szene. Seine hübsche und kluge Ehefrau Steve alias Ursula Langrock sorgt mit ihren harmlos-koketten Bemerkungen für die nötigen Farbtupfer in diesem sehr leichenreichen Kriminalfall.
Überhaupt wurde diese Hörspielreihe mit einer seltsamen Leichtigkeit inszeniert. Die Witzeleien zwischen den Eheleuten Temple und die be“swingten“ musikalischen Einlagen zur Trennung der Szenen stehen oft im merkwürdigen Kontrast zu den nicht gerade zahmen Verbrechen. Aber vielleicht ist es genau diese Mischung, die den Charme der Serie ausmacht und die Hörer in eine gutgelaunt-schaurige Spannung versetzt. Die Temple-Hörspiele spiegeln am besten wider, wie deutsche Krimiunterhaltung in den 50er und 60er-Jahren beschaffen sein musste: Spannend und entspannend zugleich.
FAZIT: Verbrecherjagd mit genialer List und guter Laune.
Francis Durbridge Paul Temple und der Fall Madison Kriminalhörspiel
Mit René Deltgen, Ursula Langrock u.v.a
Der Audio Verlag GmbH, Berlin 2006
4 CDs. 256 Minuten, 24,95 €
ISBN 3-89813-328-1