Kaputte Welt David Peace macht bei seiner Jagd auf einen Massenmörder vor niemand Halt
Jack the Ripper ist nie gestorben, weil er nie gefasst wurde. Seit über hundert Jahren halten seine blutrünstigen Prostituiertenmorde die Phantasie der Menschen auf Trab. Und sie gebären schreckliche Nachahmer wie Peter Sutcliffe, der zwischen 1975 und 1980 dreizehn Frauen auf brutalste Weise getötet hat.
Eine wahre Begebenheit also, mit der sich David Peace in seinem auf vier Bände angelegten „Red Riding Quartet“ aufs Schonungsloseste auseinandergesetzt hat. In „1977“ steht nicht allein der Mörder im Vordergrund, sondern vor allem seine Verfolger: Zwei vom Leben und Laster gezeichnete Männer: Polizeisergeant Robert Fraser und Gerichtsreporter Jack Whitehead.
Chaos der Gefühle
Sie verfolgen ein gemeinsames Ziel, weil sie beide eine unstillbare Schwäche für Huren haben. Diese Schwäche bestärkt und behindert sie bei der Suche nach einem Massenmörder, der immer wieder nach dem gleichen Muster „zuschlägt“, seine Opfer aufs grausamste zerfleischt und sich sexuell an ihnen vergeht. Mit dieser Brutalität haben die beiden gedanklich ebenso zu kämpfen wie mit den undurchsichtigen Intrigen und Machenschaften der mit diesen Fällen betrauten Polizisten. Was ihnen aber am meisten zu schaffen macht, ist das Chaos ihrer Gefühle. Die Angst, dass die von ihnen „geliebte“ Prostituierte bald selbst zum Opfer wird. Wegen ihrer intimen Beziehungen zum Rotlichtmilieu geraten sie sogar selbst in Tatverdacht.
Diesen Verdacht weiß Peace auf jeder Seite seines Romans von neuem zu verstärken. Der Leser wird durch die selbstzerstörerischen Monologe von Fraser und Whitehead in den Strudel ihrer Erinnerungen, Gedanken und Träume hineingezogen. Die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Wahrheit und Lüge verschwimmen. Bis zum Schluss bleibt im Unklaren, wer aus welchem Grund seine Gewaltphantasien an den Frauen ausgelebt hat. „1977“ endet in einem blutigen Traumszenario. Genug Raum also für neue Spekulationen über die Identität des „Yorkshire Rippers“, der in Peace’ bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten Romanen „1980“ und „1983“ weiter spukt.
Höllenqualen
Der in diesem Jahr mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnete Autor ist in der Grafschaft Yorkshire aufgewachsen und hat als Schulkind die Mordserie mit großer Furcht verfolgt. Wie er in einem Interview bekannte, glaubte er zuweilen, sein Vater sei der berüchtigte „Yorkshire Ripper“. Diese Phantasien haben ihn sein Leben lang begleitet und finden seit fast sechs Jahren ihren literarischen Niederschlag im „Red Riding Quartet“. Seine Romanfolge ist keine „Chronik Englands in den siebziger und achtziger Jahren“, wie im Klappentext behauptet wird. Sondern eine schonungslose Beschreibung immerwährender seelischer und physischer Höllenqualen.
Und die beschreibt Peace mit einer Offenheit und Drastik, dass es dem Leser im wahrsten Sinne des Wortes den Atem verschlägt. Sein auf klaren und einfachen Hauptsätzen basierender Stil ist keine Effekthascherei, sondern lässt die psychischen Eruptionen seiner Protagonisten spürbar werden. Auch den Zynismus der klassischen Hardboiled-School sucht man in seinem Roman vergebens. Seine „Helden“ überspielen die Grausamkeiten nicht mit intelligenten Sprüchen. Sie fürchten sich, leiden erbärmlich und haben von niemanden Mitgefühl zu erwarten. Am allerwenigsten vom Leser, der nach der Lektüre ebenso staunend wie entsetzt in die eigene, scheinbar so friedliche Realität entlassen wird. Ein Roman, der nicht nur eindrucksvoll die Grenzen des Genres, sondern auch die Grenzen des Erträglichen überschreitet.
FAZIT: Nichts für schwache Nerven und sensible Gemüter
David Peace 1977 Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind, Februar 2006
396 Seiten, EUR 22,00
ISBN 3935890362