Von ihren Eltern in die Sklaverei verkauft verschlägt das Schicksal die kleinwüchsige Tertia nach Roma, mitten ins Herz der Welt. Schließlich landet sie im Haushalt Julillas, der Enkelin des großen Augustus.
Unter den Augen ihrer machthungrigen Herrin wandelt sich Tertia vom naiven Mädchen zu einer Frau, die gezwungen wird, auf dem glatten Parkett der Macht zu balancieren.
Endlich hat sich Tertias Wunsch erfüllt - sie ist in Rom, wenn auch als Sklavin. Nach einem missglückten Fluchtversuch landet sie im Haushalt des Garküchen- und Bordellbesitzers Lycus. Dort wird sie aufgrund ihrer zwergenhaften Gestalt als Gauklerin ausgebildet und erhält sie einen Einblick in das Leben der Hauptstadt. Doch erst als sie an die Enkelin des Augustus, die schöne Julilla, verschenkt wird, wendet sich ihr Schicksal auf dramatische Weise. Bald sieht sich das unschuldige Mädchen, das inzwischen den Namen Andromeda angenommen hat, in der gefährlichen Position als Spionin zweier
Herrinnen: Julillas und deren gestrenger Großmutter Livia. Der einzige Mensch im Haushalt, der um ihre Schwierigkeiten weiß, ist der Zwerg Conopas, ein ehemaliger Gladiator, dessen Bett sie gezwungenermaßen teilt. Während ihr Wunsch, die Freiheit zu erlangen, immer glühender wird, kommt sie einer gefährlichen Intrige auf die Spur. Julilla möchte sich und ihren verbannten Bruder als Nachfolger des alten Augustus etablieren.
Mit großen Augen nimmt die Sklavin Andromeda die Wunder des antiken Rom in sich auf - und mit ihr der Leser, der durch seine eigene Unwissenheit beinahe automatisch die Sichtweise des naiven Mädchens übernimmt. Durch diesen Kunstgriff der Erzählperspektive wird es der Autorin möglich, ihre detailgetreue Recherche zu vermitteln, ohne allzu schulmeisterlich zu wirken. Kinkel nimmt sich bewusst Zeit, den Leser auf die Handlung vorzubereiten und die Bühne, auf der der Venuswurf - das Spiel um alles oder nichts - stattfinden wird, darzustellen. Für einen ungeduldigen Leser ist dieser Einstieg, der Begriffserklärungen ebenso vornimmt wie eine Schilderung der sozialen Verhältnisse des alten Rom, vielleicht zu breit angelegt, doch er ist nötig, um die zahlreichen liebevoll ausgestalteten Nebenfiguren in die Geschichte einzufügen.
Diese Nebenfiguren sind es, die zum großen Teil den Reiz der Geschichte machen. Ob es nun der versoffene Maler Antillius ist oder der verbitterte Zwerg Conopas, sie alle werden im Lauf der Geschichte zu lebendigen Menschen mit unverwechselbaren Sehnsüchten und Wünschen. Auch die Hauptfigur selber besticht vor allem durch ihre Glaubwürdigkeit. Die Autorin sagt selber, dass Andromeda aus einer Randnotiz der Geschichte entstand und widersteht dabei gleichzeitig der Versuchung, sie durch allzu außergewöhnliche Gaben zur Heldin hochzustilisieren. Andromeda ist eine ganz gewöhnliche Frau, die
lernen muss, zwischen Loyalität und Eigennutz, zwischen Angst und Treue einen Weg zu finden, der ihr Überleben gestattet. Statt sie künstlich groß zu machen, gibt Kinkel ihr die Möglichkeit, durch ihre "Kleinheit" durch die Maschen der Netze zu schlüpfen, in die das eiskalte Spiel um die Macht sie verstrickt.
Fazit: Sorgfältig recherchierter historischer Roman ohne Blut und reißerische Effekte
Tanja Kinkel Venuswurf Droemer-Knaur, Februar 2006
496 Seiten, EUR 19,90
ISBN 3-426-66210-8